X
  GO

Tim Marshall: „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert: 10 Karten erklären die Politik von heute und die Krisen der Zukunft“ (2021)

Standort: Onleihe

Bildquelle: buchhandel.de

„Seit jeher hat uns das Land, auf dem wir leben, geformt. Es hat die Kriege, die Macht, die Politik und die gesellschaftliche Entwicklung der Völker geformt, die mittlerweile nahezu jeden Teil der Erde bewohnen. Technologien überwinden scheinbar die mentalen wie räumlichen Entfernungen zwischen uns, sodass leicht vergessen wird, dass das Land, in dem wir leben, arbeiten und unsere Kinder aufziehen, höchst bedeutsam ist und dass die Entscheidungen derer, die 7,5 Milliarden Bewohner dieses Planeten führen, in gewissem Maße schon immer durch die Flüsse, Berge, Wüsten, Seen und Meere, die uns alle eingrenzen, geformt werden...

Allgemein gesagt: Geopolitik zeigt auf, wie internationale Angelegenheiten vor dem Hintergrund geographischer Faktoren zu verstehen sind. Dabei geht es nicht nur um die tatsächliche Landschaft – die natürlichen Barrieren durch Berge oder die Verbindungen durch Flusssysteme beispielsweise –, sondern auch um Klima, Demographie, Kulturregionen und den Zugang zu natürlichen Ressourcen.

(aus dem Vorwort von: Die Macht der Geographie)

Tim Marshall, geboren 1959, ist Politik-Redakteur beim britischen Nachrichtensender Sky News, und Experte für Außenpolitik. Er hat als Journalist aus über 30 Ländern berichtet, unter anderem über den Jugoslawienkrieg ebenso wie über Afghanistan, den Irak, Libanon und Israel. Marshall hat auch für die BBC gearbeitet und war lange als Korrespondent für Europa und den Nahen Osten tätig. „Die Macht der Geographie: Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt“ erschien 2015, der Nachfolgeband „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert“ im September 2021. Aus heutiger Sicht sehr interessant finde ich, dass er bereits 2015 ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel: „Prisoners of Geography: Read this now to understand the geopolitical context behind Putin‘s Russia and the Ukraine Crisis“

Im aktuellen Buch „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert“, skizziert Marshal die geographischen Gegebenheiten in zehn ausgewählten Ländern und welche Entwicklungen dadurch fast zwangsläufig vorprogrammiert waren. Danach erläutert er, welche Konsequenzen sich daraus für die Zukunft des jeweiligen Landes, aber auch für die restliche Welt ergeben können und welche Chancen sich bieten bzw. Gefahren androhen. Die Mischung der Länder ist interessant, von Regionen, die man meint gut zu kennen (Großbritannien, Spanien, Griechenland) bis zu Gegenden, mit denen sich wahrscheinlich die wenigsten von uns näher befasst haben, weil sie scheinbar für den Rest der Welt nur von geringer Bedeutung sind (Äthiopien, Sahel). Er zeigt auf, dass sich viele Konflikte, von denen wir überrascht werden, eigentlich schon viel früher angedeutet haben, weil sie in der jeweiligen Geographie begründet liegen. Sehr interessant fand ich, dass er in diesem Buch auch kurz auf den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland eingeht (sehr viel ausführlicher tut er dies in dem ersten Buch: Die Macht der Geographie) und vieles vorweg nimmt, was nur wenige Wochen nach dem Erscheinen des Buchs im September letzten Jahres dann auch tatsächlich eingetroffen ist. Einiges, was jetzt gerade in der Ukraine passiert, versteht man nach der Lektüre besser, wobei ich damit nicht sagen will, dass er dafür „Verständnis“ oder Akzeptanz wecken möchte. Man begreift als Leser einfach ein bisschen mehr, welche geostrategischen Überlegungen hinter dem Krieg in der Ukraine stecken mögen.

 

 

Louise Penny: Inspector Armand Gamache

Bildquelle: buchhandel.de

Der erste Mordfall führt Armand Gamache, Chef der Mordkommission im kanadischen Montréal, in das kleine Dorf Three Pines mitten in den kanadischen Wäldern, wo jeder jeden kennt und die Dorfgemeinschaft vermeintlich noch intakt ist. Die Idylle wird plötzlich zerstört, als am Erntedankfest, einem leuchtend klaren Herbsttag, die Leiche von Jane Neal im Wald gefunden wird – getötet durch den Pfeil einer Armbrust. Es kann sich nur um einen Jagdunfall handeln, denn wer hätte einen Grund gehabt, die pensionierte Lehrerin umzubringen? Inspector Gamache muss die Sache aufklären, damit der Dorffrieden wiederhergestellt wird. Dabei findet er nicht nur den Mörder, sondern auch neue Freunde wie die Buchhändlerin Myrna, das Künstlerehepaar Clara und Peter, die unkonventionelle und preisgekrönte 80jährige Dichterin Ruth oder Gabri und Olivier, ein homosexuelles Paar, das ein Bistro im Dorf führt. Gamache schließt Three Pines und seine Bewohner bei seinen Ermittlungen so sehr ins Herz, dass es ihn in den nächsten Fällen immer wieder dorthin zieht und er schließlich sogar dort wohnen wird.

Es ist empfehlenswert, diese Serie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Autorin Louise Penny immer wieder Anspielungen auf vergangene Fälle oder Situationen macht, die der Leser sonst nicht versteht. Außerdem entwickelt sich das Privatleben von Gamache und seinem Partner Jean-Guy Beauvoir fortlaufend weiter, ein unterhaltsamer Nebenschauplatz der Krimis. Da die Anzahl der Bewohner in Three Pines, dem „Dorf mit den drei Zedern“, überschaubar ist, gibt die Anwesenheit bzw. das Fehlen einer Person in einem späteren Band auch Hinweise auf den möglichen Täter, wenn man danach einen früheren Band liest.

Die Romane sind keine Thriller, vielmehr Krimis im Stil von Agatha Christie oder Sherlock Holmes. Meist wird ein Aspekt der kanadischen Geschichte aufgegriffen, der Schwerpunkt bei den Ermittlungen liegt vor allem auf der Psychologie des Täters, dem „Warum ?“.

In der Bücherei sind Band 8 und 9 als Romane verfügbar, in der Onleihe sind die Fälle 1 bis 14 (12 fehlt noch) als eBook und Fall 1, 3 und 4 als Hörbuch vorhanden.

  1. Das Dorf in den roten Wäldern
  2. Tief eingeschneit
  3. Das verlassene Haus
  4. Lange Schatten
  5. Wenn die Blätter sich rot färben
  6. Heimliche Fährten
  7. Bei Sonnenaufgang
  8. Unter dem Ahorn
  9. Der vermisste Weihnachtsgast
  10. Wo die Spuren aufhören
  11. Totes Laub
  12. fehlt - noch nicht übersetzt
  13. Hinter den drei Kiefern
  14. Auf einem einsamen Weg

 

 Preston & Child: „Tote lügen nie“ (2020) 

Standort: Bücherei: Romane Pre

Bildquelle: buchhandel.de

Der Band „Tote lügen nie“ ist der Auftakt zu der neuen Serie „Old Bones“ des Erfolgsduos Douglas Preston und Lincoln Child.

Am Anfang stehen zwei getrennte Handlungsstränge, die allmählich zu einem Fall zusammenwachsen: Auf der einen Seite die junge FBI-Agentin Corrie Swanson, die in ihrem ersten eigenständigen Fall die Leichenschändung auf einem historischen Friedhof aufklären soll, auf der anderen Seite die Archäologin Nora Kelly, die Hinweise auf ein sagenumwobenes drittes Lager der „Donner Party“ bekommt und mit einer offiziellen Ausgrabung in der Sierra Nevada beauftragt wird.

Die Donner Party war eine tatsächlich existierende Gruppe von 87 Siedlern, die 1846 auf dem Weg in den Westen der USA waren. Der Name leitet sich von George Donner ab, der am 19. Juli 1846 zum Führer des Trecks gewählt wurde.

Nach einer Reihe von Fehlentscheidungen – es wurde eine vermeintlich bekannte und bewährte Abkürzung gewählt – wurden die Reisenden in den Bergen der Sierra Nevada (Kalifornien) von einem frühen, aber heftigen Wintereinbruch überrascht. Kurz vor einem Gebirgspass musste die Gruppe ein Notlager aufschlagen, da innerhalb kürzester Zeit bis zu 7m Neuschnee fielen. Außerdem verlor ein Teil der Siedler den Anschluss an die restliche Gruppe und kam vom Weg ab. In den folgenden vier Monaten starben 34 der ursprünglich 81 in den Bergen gefangenen Siedler an Kälte und Unterernährung. Die Überlebenden, die von einem Suchtrupp gerettet wurden, konnten laut Berichten und Tagebüchern nur durch Kannibalismus den Winter überstehen.

Auf diesen historischen Tatsachen bauen die Autoren ihren Thriller auf: Dr. Kelly bekommt die Erlaubnis, nach dem bisher unbekannten Lager der letzten Gruppe zu forschen. Neben dem archäologischen Interesse treibt sie auch der Hinweis aus dem Tagebuch einer Überlebenden an, dass einer der Siedler sein gesamten Vermögen in Goldmünzen dabei hatte, das bisher noch nicht gefunden wurde. Kaum ist das Archäologenteam allerdings in der Einsamkeit der Sierra Nevada unterwegs, kommt es zu erschreckenden Zwischenfällen. Und dann wird auch noch, wie vor 150 Jahren, das Wetter schlechter...

Ich fand diesen Roman sehr spannend, besonders die Mischung aus geschichtlichen Tatsachen und Fiktion. Der Thriller macht Lust auf den zweiten Band: „Das Gift der Mumie“, der auch in der Gemeindebücherei im Bestand ist.

 

 

Unlock! – Escape-Spiele für zuhause

Standort: Bücherei, Spiele

 

Bildquelle: buchhandel.de

Diesmal möchte ich etwas ganz anderes vorstellen als sonst, nämlich ein Spiel bzw. eine ganze Spieleserie: die Escape-Spiele für daheim von unlock!:

Die Bücherei besitzt bis jetzt 5 unlock!-Spiele, weitere sind bestellt. Das Prinzip ist das gleiche wie bei escape rooms – man muss im Team verschiedene Rätsel lösen und innerhalb einer vorgegebenen Zeit den Raum verlassen bzw. beim Kartenspiel das Szenario erfolgreich beendet haben. Der Vorteil der unlock!-Serie ist, dass man beim Spielen keine Teile zerstört, wie es bei anderen Herstellern üblich ist. Daher eignet sich diese Reihe hervorragend für die Ausleihe in Bibliotheken.

Worum geht es bei den Spielen, die wir in der Ausleihe haben?

„Der Schatz auf Tonipal island“:

Captain Smith hat einen Piratenschatz auf Tonipal island versteckt, den ihr unbedingt finden wollt, aber es gibt natürlich auch andere, die den Schatz bergen wollen. Ihr müsst schneller sein als alle Konkurrenten. (Schwierigkeit 3)

„Das Haus auf dem Hügel“:

Ihr wagt euch nachts in ein verlassenes Herrenhaus. Unheimliche Dinge passieren, während ihr das Haus erkundet. (Schwierigkeit 1)

„Reise um die Welt in 80 Minuten“:

Wie in dem Klassiker von Jules Verne müsst ihr als Phileas Fogg und Jean Passepartout es schaffen, in der vorgegebenen Zeit einmal um die Welt zu reisen und dabei alle Abenteuer lebend zu überstehen. (Schwierigkeit 3)

„In den Fängen des Hades“:

Ihr seid Alix, eine Sklavin im antiken Griechenland und wollt fliehen. Mit Hilfe der Götter versucht ihr, durch eine Heldentat eure Freiheit zu verdienen. (Schwierigkeit 1)

„Professor Nosides Tier-O-Mat“:

In den Körpern verschiedener Tiere besitzt ihr typische Fähigkeiten, die nötig sind um alle Aufgaben zu lösen und euch wieder in einen Menschen zurückzuverwandeln. (Schwierigkeit 2)

Um die Spiele zu spielen, muss man vor dem ersten Spiel eine App auf das Smartphone herunterladen, dann ist kein WLAN mehr nötig und jedes Spiel der Reihe (ca. 30 Stück insgesamt) kann gespielt werden. Empfohlen sind die Spiele ab 10-12 Jahre für 2 bis 6 Mitspieler.

Persönliches Fazit nach 4 von 5 geschafften Herausforderungen:

Diese Spiele haben Suchtcharakter! Jedes Szenario ist komplett anders als die anderen, durch die App wird man immer wieder vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Die Programmierung ist hervorragend, die Effekte überraschend. Diese Spiele machen generationenübergreifend allen Spaß und garantieren einen gelungenen Spieleabend. Auch wenn man es nicht schafft die Aufgaben in der vorgesehenen Zeit zu lösen, kann man trotzdem einfach weitermachen. Dadurch, dass man ein gemeinsames Team bildet, kommt untereinander kein Konkurrenzdenken auf. Besonders schön finde ich, dass jede Altersgruppe Ideen und Erfahrungen einbringen kann und Erwachsene nicht unbedingt im Vorteil sind.

Es empfiehlt sich, vor dem ersten Spiel ein Tutorial durchzumachen (10 Minuten, in jeder Schachtel vorhanden), damit man weiß, wie man die Herausforderungen angehen muss. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man am besten mit einem Szenario der Schwierigkeitsstufe 1 anfängt, um sich dann nach „oben“ vorzuarbeiten.

 

 

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht (2019)

Standort: Onleihe Belletristik

Bildquelle: buchhandel.de

New York im Jahr 1888. Paul Cravath, ein 26 Jahre alter hochbegabter Anwalt frisch von der Uni, hat es geschafft, als Partner in die Kanzlei seines ehemaligen Mentors einsteigen zu können. Umso mehr sind alle überrascht, dass sein erster Mandant George Westinghouse ist, der von seinem Gegenspieler, dem berühmten Erfinder Thomas Alva Edison, verklagt wird. Streitpunkt ist die Beantwortung der Frage, wer die Glühbirne erfunden hat. Das erforderliche Patent wurde 1880 an Edison vergeben und es ist das bis zum damaligen Zeitpunkt mit Abstand wertvollste Patent in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Der Streitwert: Eine Milliarde Dollar!

Darüber hinaus geht es aber auch um eine grundsätzliche Frage: Edison setzt auf Gleichstrom, während Westinghouse Wechselstrom bevorzugt. Wechselstrom lässt sich mit wenig Verlust weit leiten, während Gleichstrom nur über eine kurze Distanz transportiert werden kann. Das Problem ist nur, dass die Idee mit dem Wechselstrom in der Praxis des Jahres 1888 noch nicht funktioniert. Helfen soll der serbische Erfinder Nikola Tesla, der erst für Edison arbeitete, dann von Paul Cravath für Westinghouse gewonnen wird. Doch Tesla ist ein Exzentriker der Extraklasse, schwer zu kontrollieren und seine Kreativität in gezielte Bahnen zu lenken. Zudem verliert er nach einem Brand sein Labor und sein Gedächtnis. Für Westinghouse steht alles auf dem Spiel. Er braucht unbedingt eine andersartige Glühbirne von Tesla, sonst verliert er den Prozess und seine Firma in Konkurs geht in Konkurs. Damit hätte Edison gewonnen, obwohl Westinghouse fest von den Vorzügen seiner Lampen und seiner Generatoren überzeugt ist.

Graham Moores Roman basiert auf dem sogenannten „Stromkrieg“ um 1890 in den USA, als die Weichen gestellt werden sollten zwischen einem landesweiten Stromnetz mit Wechselstrom auf der einen und dezentralen Gleichstrom-Generatoren auf der anderen Seite. Alle Personen in dieser Geschichte haben tatsächlich existiert, zum Teil sind sogar die Dialoge überliefert. Ein spannendes Kapitel amerikanischer Zeitgeschichte, verpackt in einen gut lesbaren Roman, der zeigt, dass weitreichende Entscheidungen oft von Anwälten und Zeitungsverlegern getroffen werden, nicht von Wissenschaftlern. Was uns aus heutiger Sicht unausweichlich logisch erscheint, nämlich die Stromversorgung der Haushalte durch Überlandleitungen mit Wechselstrom, wurde vor knapp 150 Jahren ernsthaft diskutiert und in Frage gestellt und es hätte damals durchaus auch eine ganz andere Entscheidung fallen können.

 Insgeheim und in aller Stille hatte sich Tesla da also mit den altklugen Söhnen befreiter Südstaaten-Sklaven zusammengetan, um Wunder zustande zu bringen, die erstaunlicher waren als alles, wovon Edison und seine gut betuchten Gleichgesinnten träumen konnten. Einst hatte Paul Thomas Edison für den Wahrhaftigsten Amerikaner seiner Generation gehalten. Aber als er den Blick um den Arbeitstisch schweifen ließ, wo Tesla mit seinen Studenten sorgfältig den dunkel werdenden Teller studierte, sah Paul ein anderes Amerika vor sich: ein Amerika, das geboren war in einem ärmlichen serbischen Dorf und einem Baumwollfeld in West-Tennessee. Das erst Amerika war vielleicht brillant, das zweite aber genial. Was das erste Amerika nicht erfunden hatte, würde das zweite austüfteln. Was die Wall Street nicht finanzierte, würde in einem Keller in Nashville eben einfach so gebaut. Das war es, wovor Männer wie Edison und Morgan Angst hatten und was sie - trotz dicker Scheckhefte und der Macht, einen Ort wie die Fisk University mit einer Unterschrift kaufen und wieder verkaufen zu können - schlecht schlafen ließ in ihren Fifth-Avenue-Festungen. Mithilfe ihrer Anwälte machten sie Orte wie diesen hier dem Erdboden gleich. Sie hatten ihre Patente und ihre sorgfältig formulierten Ansprüche auf Überlegenheit. Tesla und seine Studenten hatten ausschließlich ihren Erfindergeist. In den Gesichtern von Robert, Jason und ihren Freunden konnte Paul lesen, dass sie das, was sie taten, nicht des Geldes wegen taten. Auch nicht des gesellschaftlichen Status oder irgendeiner abstrakten, sozial anerkannten Leistung wegen. Diese Männer bauten Dinge, weil sie schlau waren. Sie waren fleißig, mutig und neugierig. Paul wollte für immer in einem Amerika leben, in dem ein Thomas Edison Angst hatte vor einem schlauen Jungen in einem Keller, dessen Vater so viel Baumwolle geerntet hatte, dass sein Sohn jetzt elektrische Energie ernten konnte.

 

 

Adeline Dieudonné: „Das wirkliche Leben“ (2020)

Standort: Bücherei Romane / Onleihe Belletristik

Bildquelle: buchhandel.de

 

„Das wirkliche Leben“ beginnt harmloser als es nicht sein könnte: mitten im normalen Familienalltag von Mutter, Vater, Tochter und Sohn, in einer Reihenhaussiedlung. Die Protagonistin ist zu Beginn des Romans gerade einmal zehn Jahre alt. Sie und ihr jüngerer Brüder Gilles spielen den ganzen Tag draußen auf einem Schrottplatz, erfinden Geschichten und kehren erst zum gemeinsamen Abendessen wieder nach Hause zurück. Hier kann der Leser zum ersten Mal hinter die Fassade der Familie blicken und erkennt den Schrecken, mit dem die Familie Tag für Tag leben muss: Der Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker und Waffennarr, der die Kinder drangsaliert und die Mutter, vom Mädchen wegen ihrer Tatenlosigkeit nur die „Amöbe“ genannt, verprügelt. Nach einem furchtbaren Zwischenfall, der erst einmal nichts mit der Familie zu tun hat, zieht Gilles sich mehr und mehr zurück und wird dabei dem Vater immer ähnlicher. Sie gehen gemeinsam auf die Jagd, begeistern sich für Waffen und haben für das Mädchen nur noch Hohn und Spott übrig. Diese versucht trotzdem alles, um den „alten“ Gilles mit seinem „Milchzahnlächeln“ wieder zurückzugewinnen, denkt sogar daran, eine Zeitmaschine zu bauen um im entscheidenen Moment in der Vergangenheit eine andere Richtung einschlagen zu können. Hilfe bekommt sie von unerwarteter Seite, von Menschen, die ihr Mut machen auf ihre eigene Intelligenz zu bauen und sich nicht in der Opferrolle zu sehen.

„Ich habe dir Unsinn erzählt, was das Gewitter betrifft, das stimmt. Aber der Rest war kein Unsinn. Nicht das mit Marie Curie. Du hast Grips, Kaulquappe. Heute hast du zwar einen ersten Dämpfer einstecken müssen, aber ... kämpf weiter, lass dich davon nicht abbringen. Ich bin leider keine Fee. Aber du bist nicht irgendwer, Mademoiselle. Du hast das Zeug und den Mumm zu was Großem. Und sollte dir je jemand was anderes einreden wollen, kannst du ihm von mir ausrichten, dass er sich das sonst wohin stecken kann.“

Das Ende ist brutal, wie das gesamte Buch. Ein Roman, der ungeheuer spannend ist, aber keine Gute-Laune-Geschichte. Trotzdem unbedingt lesenswert, wenn man in der richtigen Stimmung ist.

 

 

Ambrose Parry: „Die Tinktur des Todes“ (2020)

       Standort: Bücherei, Romane Par/Historisches

Bildquelle: buchhandel.de

„Eine gute Geschichte sollte nicht mit einer toten Dirne beginnen – dafür bitte ich um Verzeihung –, schließlich handelt es sich nicht um ein Thema, mit dem achtbare Menschen sich gern zu befassen pflegen. Doch gerade die Überzeugung, die braven Leute Edinburghs würden sich solch einer Angelegenheit niemals widmen, führte Will Raven im Winter 1847 auf seinen schicksalhaften Weg. Zwar hätte Raven die Entdeckung der unglücklichen Evie Lawson ungern als Beginn seiner eigenen Geschichte betrachtet gewusst, doch trieb ihn vor allem die Entschlossenheit an, dass es nicht das Ende der ihren bleiben durfte.“

So beginnt der Roman des Autoren-Ehepaares Christopher Brookmyre und Marisa Haetzman.

Am Abend bevor der 19-jährige Medizinstudent Will Raven sein Praktikum bei dem berühmten Edinburgher Geburtshelfer Dr. Simpson beginnen soll, entdeckt er die Leiche der Prostituierten Evie, die er nicht nur „benutzt“ hat, wie er selbst es zugibt, sondern die er sogar gemocht hat. Ihr Tod lässt ihm keine Ruhe und im Laufe seiner Tätigkeit als Frauenarzt entdeckt er, dass es noch mehr ungewöhnliche Todesfälle unter jungen Frauen gibt. Zusammen mit dem Hausmädchen der Simpsons, Sarah, die für die Rechte der Frauen auf einen eigenen Beruf und auf Selbstbestimmung eintritt, sucht er nach der Ursache für die ungeklärten Todesfälle. Dabei stoßen die beiden auf dunkle Geheimnisse in den Armen-, aber auch den Villenvierteln Edinburghs, auf geheime Abtreibungen, medizinische Experimente an Menschen, Krankheiten, Erpressung und Gewalt.

Dieser Roman fällt meiner Meinung nach eher in die Kategorie „Historisches“, weniger unter „Krimi“, obwohl es um die Aufklärung gewaltsamer Todesfälle geht. Der Kriminalfall wird am Ende eher nebenher gelöst, hauptsächlich wird der Stand der Medizin vor 150 Jahren beschrieben, als Äther als Betäubungsmittel gerade entdeckt war und bei Operationen zwar schon von einzelnen Ärzten eingesetzt wurde, gerade in der Geburtshilfe aber sehr umstritten war und von vielen Vertretern der Kirche strikt abgelehnt wurde.

Für medizinisch Interessierte bestimmt spannend, zumal die Autorin Medizinhistorikerin und Anästhesistin ist.

 

 

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat (2018)

Standort: Bücherei Romane Win

Bildquelle: buchhandel.de

1943 in St. Martinsville, Louisiana: Ein 18-jähriger Schwarzer namens Will ist in dem kleinen Ort zum Tode verurteilt worden, weil er angeblich ein weißes Mädchen, die Tochter des ortsansässigen Bäckers, vergewaltigt haben soll. Er sagt aus, dass sich die beiden geliebt hätten, aber das Mädchen kann seine Aussage nicht mehr bestätigen. Sie hatte sich am Tag nach dem Vorfall mit der Waffe ihres Vaters selbst erschossen.

Viele im Ort wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, doch Kritik gibt es nur innerhalb der eigenen vier Wänden. Selbst dem kürzlich ernannte Staatsanwalt Polly, der die Stelle angetreten hatte, um gegen Rassismus anzutreten und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, kommen immer mehr Zweifel an der Verhältnismäßigkeit des Urteils. Er fühlt sich allerdings zu dieser Entscheidung genötigt, als eine Gruppe von Klu-Klux-Klan-Anhängern droht, seinen Sohn Gabe zu entführen und zu töten.

Will selbst hat sich im Gefängnis mit seinem Schicksal abgefunden und aus großer Trauer und Schuldgefühlen seiner Freundin gegenüber seinen bevorstehenden Tod akzeptiert. Jetzt, so kurz vor der Hinrichtung, möchte er eigentlich nur noch, dass das Warten ein Ende hat.

Der Roman beginnt wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung um Mitternacht. Elizabeth Winthrop lässt in kurzen Passagen verschiedene Personen zu Wort kommen, die in irgendeiner Weise mit dem Geschehen in Verbindung stehen. Da ist zum Beispiel der Priester Hannigan, der Will in seinen letzten Stunden begleiten soll, oder Frank, der Vater von Will, der seiner Frau versprochen hat rechtzeitig einen Grabstein zu besorgen und daran am Ende zu scheitern droht. Oder die Tankstellenpächter Dale und Ora, deren einziger Sohn Tobias kürzlich zum Militär eingezogen wurde und nun in Asien an der Front kämpft. Der Leser begleitet auch Lane, einen wegen Einbruchs und Totschlags verurteilten Häftling, der zusammen mit einem Gefängniswärter einen mobilen elektrischen Stuhl nach St. Martinsville transportiert, und natürlich Will, der nach der monatelangen Zeit des Nichtstuns im Gefängnis nun von den vorgeschriebenen Vorbereitungen für die Hinrichtung überrollt wird.

Feinfühlig erzählt die Autorin, wie die einzelnen Personen mit dem Urteil und ihrem jeweils eigenen Gewissen umgehen, jetzt, wo die Hinrichtung unmittelbar bevorsteht und nicht mehr aufzuhalten ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den verschiedenen Vater-Sohn-Konstellationen im Roman. Die Handlung entwickelt sich ungeheuer spannend, weil alles auf die unaufhaltsam näher rückende Stunde der Hinrichtung zuläuft, nach der es kein Zurück mehr geben kann. Auf keinen Fall also vorher das Ende des Romans lesen!

Fazit: eine eindrückliche Anklage gegen Rassismus und eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe.

 

 

Robert Seethaler: Der letzte Satz (2020)

Standort: Bücherei: Romane See / Onleihe

Bildquelle: buchhandel.de

Gustav Mahler ist mit erst 51 Jahren am Ende seines Lebens angekommen. Der zu Lebzeiten berühmteste Musiker seiner Zeit sitzt 1911 einsam und krank an Deck eines Transatlantikdampfers auf dem Rückweg von New York nach Wien, es ist seine letzte Reise. Er lässt noch einmal die wichtigsten Stationen seines Lebens Revue passieren: seine Liebe zu Alma und seine gescheiterte Ehe, seine beiden Töchter, von denen eine als Kind bereits gestorben war, seine größten musikalischen Erfolge in Europa und Amerika. Ein Schiffsjunge, der extra dazu abgestellt ist, dem Meister alle Wünsche zu erfüllen, lenkt seine Gedanken und Erinnerungen in immer neue Bahnen. Erstaunlicherweise ist es auch dieser Schiffsjunge, der in dem Roman das letzte Wort hat.

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, schrieb in seinem Roman „Der Trafikant“ ein Portrait des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Nun hat er sich den österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler vorgenommen. Mahler habe für seine Sache gebrannt. Er sei für die Liebe und für die Arbeit entzündbar gewesen und er war ein Despot, wenn es darum ging, seine Interessen durchzusetzen. Und letztlich sei Mahler auch an seiner Entzündbarkeit gestorben, charakterisierte Seethaler den Künstler in einem Interview.

Sein Roman „Der letzte Satz“ ist für eine Biographie viel zu knapp, er reißt eher die wichtigsten Stationen im künstlerischen und privaten Leben des Musikers kurz an, aus dessen eigener Sicht und in der Situation des Abschiednehmens kurz vor dem Tod.

Für einen Musiker kommt in diesem Werk sicherlich Mahlers kompositorisches Werk viel zu kurz, für einen Historiker sind die Lebensdaten zu knapp. Wem aber ein (nicht im negativen Sinn) oberflächlicher Eindruck vom Menschen und dem Künstler Mahler reicht und wer vielmehr über das Nebeneinander von Ruhm und Vergänglichkeit, öffentlichem Erfolg und privatem Scheitern nachdenken möchte, und das auf einem hohen sprachlichen Niveau, der ist von diesem Roman bestimmt begeistert.

 

 

James Gould-Bourn: Pandatage (2020)

Standort: Bücherei Romane Gou / Onleihe: Hörbücher

Bildquelle: buchhandel.de

Danny Malooney‘s Leben verläuft nicht gerade glücklich: trotz seiner 28 Jahre hat er nie eine Ausbildung abgeschlossen und deswegen arbeitet er als ungelernte Hilfskraft für wenig Lohn auf einer Baustelle. Seinen 11jährigen Sohn erzieht er mehr schlecht als recht alleine, seit seine große Liebe ein Jahr zuvor mit dem Auto tödlich verunglückt ist. Er schafft es kaum, seinen Alltag zu organisieren und kommt notorisch zu spät zur Arbeit. Dannys größte Sorge ist aber, dass sein Sohn Will seit dem Unfall der Mutter kein Wort mehr spricht.

Eines Tages wird es seinem Chef zu viel und er kündigt Danny fristlos wegen seiner Unzuverlässigkeit. Hinzu kommt, dass er auch schon monatelang mit der Miete im Rückstand ist und sein Vermieter ihm eine letzte Frist setzt, bevor er ihn aus der Wohnung wirft. Nun muss Danny schnellstens Geld beschaffen. Nach vielen Fehlversuchen kauft er sich von seinem letzten Geld ein billiges Pandakostüm, um als Kleinkünstler im Park seinen Unterhalt zu verdienen. Das geht natürlich komplett schief, da Danny auch nicht tanzen kann.

Eines Tages, als Danny sich wieder einmal im Park völlig erfolglos als Panda verkleidet lächerlich macht, sieht er, dass Will von Schulkameraden wegen seiner Sprachlosigkeit gemobbt wird. Er hilft seinem Sohn, der ihn nicht erkennt, und dieser fasst Vertrauen zu dem Pandamann und spricht sogar mit ihm. Er erzählt ihm, wie es ihm seit dem Tod seiner Mutter geht, dass sein Vater es zwar gut meint, er aber völlig versagt in der Erziehung und aus welchem Grund er eigentlich nicht mehr reden mag. Danny merkt sich alles, macht sich später Notizen und versucht unauffällig sein Verhalten seinem Sohn gegenüber zu verbessern. Allerdings ist das Geldproblem damit noch nicht gelöst. Nun merkt er, dass er doch Freunde hat, die ihm helfen wieder auf die Füße zu kommen und ihn darin bestärken, einmal im Leben etwas durchzuziehen und nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufzugeben.

Dieser Roman ist manchmal melancholisch, oft aber komisch und immer unterhaltsam. Auch am Ende (es gibt ein Happy End, soviel sei verraten) fällt das Niveau nicht ab und überrascht den Leser doch ein bisschen, indem eben nicht das eintrifft, was man erwartet. Rührend ist, wie sich Danny trotz aller Unzulänglichkeiten immer um seinen kleinen Sohn bemüht.

Fazit: keine große Weltliteratur, aber eine unterhaltsame Sommerlektüre, die nie langweilig oder oberflächlich ist und ein gutes Gefühl beim Leser hinterlässt.

 

 

Susan Hill: Stummes Echo (2018)

Standort: Bücherei Romane Hil

Bildquelle: buchhandel.de

 

„May Prime hatten den ganzen Nachmittag in dem Korbstuhl neben dem Bett ihrer Mutter gesessen, bis sie um sieben Uhr plötzlich aufsprang, aus dem Haus lief und in den bewölkten Himmel starrte, weil sie die Sterbende keine Sekunde länger ertragen konnte.“

So beginnt der Roman „Stummes Echo“ der britischen Autorin Susan Hill. Es ist eine Familiengeschichte, die auf einem Hof im Norden Englands spielt. Einsamkeit und harte Landarbeit prägen die drei Generationen der Familie Prime, gesprochen wird nicht viel, gejammert auch nicht, Schicksalsschläge werden hingenommen.

Bereits am Anfang des Romans stirbt die Mutter, der Vater und die Großeltern sind schon lange tot. Die vier Geschwister May, Frank, Berenice und Colin treffen sich zur Beerdigung und zur Verlesung des Testaments. In Rückblicken erfährt der Leser die Lebensgeschichten der einzelnen Geschwister: May, die intelligenteste der vier, bekommt ein Stipendium und studiert in London, bis Panikattacken sie wieder auf den elterlichen Hof treiben. Colin heiratet ins Nachbardorf und übernimmt dort die Landwirtschaft seiner Schwiegereltern. Berenice heiratet einen sehr viel älteren Mann und zieht weg. Frank, der schon als Kind anders war als die anderen, macht Karriere in London, hat aber nach Jahren plötzlich das Bedürfnis, seine Kindheit ohne Rücksicht auf die Geschwister aufzuarbeiten und sich aus der Familie zu befreien, die er dadurch brutal zerstört.

In diesem Roman geht es um das kollektive Gedächtnis einer Familie, darum, an was man sich erinnern will und was man lieber vergisst um weiter miteinander leben zu können. Wie Erinnerungen auseinanderdriften können, wenn man nicht miteinander redet. Wie Emotionen das Gedächtnis bestimmen. Was Wahrheit für jeden einzelnen bedeutet. Es geht auch um Eifersucht und Rivalität unter Geschwistern, um das Loslösen vom Elternhaus und darum, inwieweit die Kindheit das gesamte Leben beeinflusst. Große Themen auf nur 165 Seiten!

 

 

Isabelle Autissier: Klara Vergessen (2020)

Standort: Onleihe

Bildquelle: buchhandel.de

 

Klara Vergessen – Nein, in diesem Roman geht es genau darum, dass Klara nicht vergessen ist, denn ihr Schicksal wirkt in den nachfolgenden Generationen weiter.

Eine junge russische Geologin wurde während der Stalinzeit – wie so viele Menschen - verschleppt und in den Gulag gesteckt. Wegen kleinster Kleinigkeiten zu Staatsfeinden erklärt, verschwanden Millionen von Menschen und kamen meist nie mehr zurück. So auch Klara.

Ihre Geschichte wird in diesem Buch von hinten her aufgerollt. Ihr Enkelsohn Juri, ein in den USA lebender Ornithologe, bekommt eine Mail aus seiner Heimatstadt Murmansk, dass sein Vater, zu dem er 23 Jahre lang keinen Kontakt hatte, im Sterben liege. Und so macht sich Juri auf den Weg nach Russland, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Und natürlich kommt, was in so einer Situation kommen muss, Juri wird mit seiner Kindheit und Jugend konfrontiert. Und der Leser bzw. die Leserin mit den Gegebenheiten in der UdSSR nach dem 2. Weltkrieg bis hinein in die 90iger Jahre.

Rubin, Juris Vater, der Sohn von Klara also, hat seine Mutter, als Vierjähriger verloren und wurde in äußerst ärmlichen Verhältnissen groß. Rubin lernte bald, dass er nur eine Chance hätte, wenn er gewalttätig und grausam sein würde. Und so wurde aus dem Sohn der Wissenschaftlerin ein rauher, agressiver Mann, eher zufällig ein Fischer, ein Kaptän, der mit eiserner Hand seinen Fischtrawler regierte, Unmengen Wodka soff und sich die Frauen nahm, ohne je Liebe zu spüren. Liebe hatte er auch nicht für seinen Sohn, den er piesackte, bis der letztlich die Flucht nach Amerika antrat.

Und jetzt sitzt Juri am Sterbebett seines Vaters und wird von diesem gebeten, Klaras Geschichte zu ergründen. Juri macht sich also auf den Weg und sucht im heutigen Russland nach Spuren seiner Großmutter.

Klaras Geschichte ist ebenfalls eng mit der Geschichte Russlands verwoben. Zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt, wird sie nach nur 3 Jahren auf die Insel Sipajewna geschickt, wo sie nach Uran suchen soll. Russland war inzwischen im Atomzeitalter angekommen und auf der Suche nach eigenen Uranvorkommen. Die Zeit auf der Insel war zwar hart, aber unvergleichlich viel angenehmer als im Lager. Klara konnte wieder arbeiten und freundete sich mit dem einheimischen Volk der Nenzen an. Nach Stalins Tod hofften die Gefangenen auf ihre Freilassung, doch stattdessen kam ein neuer Kommandant, der autoritäre Regeln einführte. Das vergleichsweise angenehme Leben war vorbei. Als der Kommandant versuchte, Klara zu vergewaltigen, konnte sie sich befreien und fliehen.

Und hier verliert sich ihre Spur. Auch für Juri, der sogar aus den USA extra auf die Insel gekommen war. Und hier wird ihm klar, wie eng sein Schicksal und das seines Vaters mit dem von Klara verknüpft sind.

Familiengeschichte und Historie sind in diesem Roman eng verknüpft, was ihn spannend und auf jeden Fall lesenswert macht.  Cilia Banhierl

 

 

Yann Arthus-Bertrand: "Dünnes Eis.Was braucht die Welt, damit sie hält?“ (2019)

Standort: Bücherei: Sachbücher Kinder, Fach 13 (Erde)

Bildquelle: buchhandel.de

 

Diesmal habe ich ein völlig anderes Buch entdeckt, keinen Roman, sondern ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche. Empfohlen wird das Buch ab 10 Jahren.

Auf jeweils einer Doppelseite greift der Fotograf Yann Arthus-Bertrand ein Umweltproblem auf und illustriert dies mit großartigen Satellitenbildern und Luftaufnahmen, oftmals ergänzt durch anschauliche Piktogramme. Themen sind zum Beispiel die Veränderungen der Landschaft durch den Städtebau heute (Dubai) und in der Vergangenheit (Kambodscha), Energiegewinnung und ihre Folgen (Kuwait), die ungleiche Verteilung des Wassers (Kasachstan), Klimaerwärmung und ihre Folgen wie die Eisschmelze (Kanada) und vieles mehr. Jeweils an einem konkreten Beispiel auf der Erde wird der momentane Zustand durch Aufnahmen aus großer Höhe dokumentiert.

Der Text ist kurz und kindgerecht, die Bilder fand ich absolut faszinierend und wunderschön. Die Piktogramme bieten eine Menge Informationen und Zahlen, die auch für Erwachsene neu und interessant sein dürften. Die Luft- und Satellitenaufnahmen zeigen eine völlig neue Perspektive auf Dinge, die wir eigentlich zu kennen glauben. Es lohnt sich auf alle Fälle, dieses Buch alleine oder mit seinen Kindern durchzublättern und auf sich wirken zu lassen. Es zeigt eindrucksvoll, wie schützenswert unsere Erde ist und welche Spuren der Mensch bereits hinterlassen hat.

Der Autor Yann Arthus-Bertrand wurde 1946 in Paris geboren. Er studierte Biologie und arbeitet als Fotograf, Reporter und Umweltschützer. 2005 gründete er die Non-Profit-Organisation „GoodPlanet“, die Lösungen für eine nachhaltigere Lebensweise entwickeln und das öffentliche Bewusstsein für Umweltfragen schärfen will. International bekannt wurde er mit seinem Fotoband „Die Erde von oben“. 2009 wurde Yann Arthus-Bertrand für sein Engagement für die Umwelt zum Sonderbotschafter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ernannt.

Die Fotos in diesem Buch sind zum größten Teil vom Autor selbst, andere stammen von der Firma Airbus. Die Satellitenaufnahmen wurden von der NASA zur Verfügung gestellt.

 

 

Fred Vargas: „Der Zorn der Einsiedlerin“ (2018)

Standort: Bibliothek: Romane Var

Onleihe: Krimi, eAudio

Bildquelle: buchhandel.de

„Der Zorn der Einsiedlerin“ ist der 11. Band der Serie um Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, Leiter der Brigade Criminelle des 13. Pariser Arrondissements.

Adamsberg wird aus seinem Urlaub auf Island zurückgerufen, um den gewaltsamen Tod einer 37jährigen Frau aufzuklären. Dies gelingt ihm nach kurzer Zeit und eher nebenbei. Bei den Ermittlungen zu diesem Fall stößt er zufällig auf Pressemeldungen, die von drei ungewöhnlichen Todesfällen in Südfrankreich durch eine bestimmte Art Giftspinne, der Einsiedlerspinne Loxosceles reclusa, berichten. Trotz erheblichen Widerstands in seiner eigenen Truppe beginnt er zu ermitteln und erfährt so von einer Gruppe Jugendlicher, genannt die „Einsiedlerspinnen-Bande“, die 60 Jahre zuvor in einem französischen Waisenhaus andere Kinder über einen langen Zeitraum hinweg tyrannisiert haben. Alle drei Toten waren damals Mitglieder dieser Bande. Adamsberg vermutet den Rachefeldzug eines der Opfer und findet bei seinen Recherchen immer mehr zweifelhafte Todesfälle unter den ehemals neun Bandenmitgliedern.

Parallel dazu verarbeitet der etwas verschrobene Kommissar bei einem Besuch bei seinem Bruder ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend während einer Pilgerfahrt mit seinen Eltern nach Lourdes. Dort hatte er eine schockierende Begegnung mit einer Einsiedlerin (Rekluse), die sich nach jahrhundertealtem Brauch in einem alten Taubenschlag hatte einmauern lassen, um ihr restliches Leben bis zum Tod im Gebet zu verbringen, angewiesen auf die Spenden der Gläubigen.

Dass am Ende alles mit allem zusammenhängt, muss bei den Krimis von Fred Vargas natürlich so sein, auch wenn die Zufälle manchmal arg konstruiert wirken und auch die Schlussfolgerungen, die Adamsberg aus eigentlich unabhängig scheinenden Ereignissen zieht, strapazieren das logische Empfinden des Lesers manchmal schon sehr. Trotzdem ist diese Buch für mich gute Unterhaltung mit skurrilen Einfällen, die am Ende dann doch eine in sich logische Geschichte bilden. Wie immer bei den Fällen von Jean-Baptiste Adamsberg darf man keinen spannenden, realistischen Thriller erwarten, sondern eher eine kuriose, aber sprachlich schöne Lektüre mit ungewöhnlichen Protagonisten. Nach ein paar schwächeren Bänden ist „Der Zorn der Einsiedlerin“ für mich einer der besten dieser Serie.

„Fred Vargas ist einfach großartig. Das ist das Schöne an diesen Krimis: die schrägen Dialoge, die Ironie und die Leichtigkeit, die alle Ermittlungen beflügeln.“ (Brigitte)

„Vargas stellt mit ihrer raffinierten Skurrilität, subversiven Eigenwilligkeit und vollkommenen Unausrechenbarkeit die Zukunft des Kriminalromans dar.“ (Denis Scheck, Der Tagesspiegel)

 

Norbert Scheuer: „Winterbienen“ (2019)

Standort: Onleihe: Belletristik

Bildquelle: buchhandel.de

 

Normalerweise lese ich weder Einleitungen am Anfang noch Danksagungen am Ende eines Buches, aber in diesem Fall habe ich es aus irgendeinem Grund doch getan. Dort erfuhr ich, dass die eben gelesene Geschichte auf Manuskripten basiert, die in einem alten Bienenstock in der Eifel gefunden wurden. Dies verleiht dem Buch über seinen reinen Inhalt hinaus eine Brisanz, die daraus resultiert, dass hier ein Ausschnitt aus einem tatsächlichen Leben beschrieben wird.

Der Roman setzt sich aus zahlreichen Tagebucheintragungen des Egidius Arimond - Bienenzüchter, Epileptiker, Frauenheld, Altphilologe und Fluchthelfer - zusammen, die im Januar 1944 beginnen und bis Mai 1945 reichen. Zusätzlich werden fiktive Berichte über das Leben eines mittelalterlichen Mönchs eingeschoben, das Parallelen zum Leben des Egidius Arimond aufweist.

Egidius Arimond lebt in der Eifel in Kall, einem Bergarbeiterstädchen in der Nähe der belgischen Grenze. Er war Lateinlehrer am örtlichen Gymnasium und lebt seit seiner Entfernung aus dem Schuldienst von den Bienenstöcken, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Als „lebensunwertes Leben“ - er leidet seit seiner Kindheit an Epilepsie - wurde er von den Nazis zwangssterilisiert. Seiner Ermordung kann er entgehen, da sein Bruder ein hochdekorierter, gefeierter deutscher Kampfpilot ist. Weil er seine lebenswichtigen Medikamente auf dem Schwarzmarkt besorgen muss, schmuggelt er Juden in Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien, um zusätzliches Geld zu verdienen. Wegen seiner Krankheit ist er nahezu der einzige Mann, der in Kall zurückgeblieben ist. Damit zieht er den Neid vieler Familien auf sich, die Söhne und Ehemänner im Krieg verloren haben. Die Situation wird noch komplizierter, als Egidius Arimond ein Verhältnis mit der Frau eines hochrangigen Gestapo-Offiziers beginnt. Am Ende gelingt es ihm auch nicht mehr, Nachschub für seine Tabletten zu bekommen. Um dem geistigen Verfall durch die häufiger werdenden epileptischen Anfälle etwas entgegenzusetzen verfasst er schließlich das Tagebuch, auf dem diese Erzählung basiert.

Egidius Arimond ist kein Held im eigentlichen Sinn, er rettet die Juden nicht aus idealistischen, sondern aus ganz pragmatischen Gründen, nämlich um Geld zu verdienen und sein eigenes Leben zu retten. Am Ende kann aber auch er sich dem allgegenwärtigen Hass nicht mehr entziehen und so sieht er nur noch in einem Gewaltakt einen Ausweg aus seiner Lage, obwohl er doch eigentlich den Frieden seiner Bienen so sehr schätzt.

"Wie es einem Autor gelingen kann, in einer leisen Sprache das Grauen zu beschreiben, das ist großartig.“               ZDF Kultur, Christine Westermann

 

 

Ian McEwan: Die Kakerlake (2019)

Standort: Onleihe: Belletristik

Bildquelle: buchhandel.de

 

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“

Wer sich bei diesem ersten Satz an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erinnert, liegt hier völlig richtig. Der Brite Ian McEwan hat Franz Kafka zum Vorbild genommen um eine bitterböse Satire auf den Brexit zu schreiben (den er allerdings in „Die Kakerlake“ nie erwähnt). Anders als bei Kafka, bei dem Gregor Samsa zum Insekt wird, wird bei McEwan der Körper des britischen Premierministers von einer Kakerlake übernommen. Diese bestimmt von da an die Politik in Großbritannien und benimmt sich dabei nicht wesentlich anders als der menschliche Politiker vorher, zumindest fällt niemand ein Unterschied auf: Verträge werden gebrochen, fake news verbreitet mit dem Ziel, die Wirtschaft des gesamten Landes komplett umzukrempeln. Die Opposition sieht dabei tatenlos zu und das resignierte Volk lässt sich mit falschen Versprechungen ruhigstellen. Ironischerweise taucht im Laufe der Erzählung die Frage auf, ob der amerikanische Präsident vielleicht auch eine Kakerlake ist.

Ich bin ein großer Fan von Ian McEwan und finde den Text faszinierend. Die Umkehrung des literarischen Vorbilds ist ihm auf großartige Weise nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich gelungen. Dabei ist eine Novelle auf hohem Niveau herausgekommen, die an Sarkasmus kaum zu überbieten ist. Nur ein Brite kann sich meiner Meinung nach ein derartig böses und gnadenloses Urteil über seine Politiker und den Brexit leisten.

Fazit: ein spannender und komischer Text, bei dem man sich immer wieder fragt, ob das noch Fiktion oder doch schon Realität ist. Ob Engländer darüber lachen können, weiß ich allerdings nicht.

In der Bücherei haben wir vom selben Autor:

„Am Strand“ (2007), „Solar“ (2010), „Kindeswohl“ (2015), „Maschinen wie ich“ (2019)

 

 

Simone Lappert: Der Sprung (2019)

Standort: Romane Lap / Onleihe: Belletristik & Unterhaltung

Bildquelle: buchhandel.de

In Thalbach, einer deutschen Kleinstadt in der Nähe von Freiburg, steht eine Frau auf einem Hausdach. Keiner weiß, warum sie dort oben steht und was sie will, aber es wird dem Leser am Anfang schon klar, dass sie springen wird. Unten ist der ganze Ort versammelt und wartet, was nun geschieht. Die einen fotografieren, die anderen trinken Kaffee und genießen die Abwechslung, alle spekulieren, was da gerade passiert und Feuerwehr und Polizei versuchen das Schlimmste zu verhindern.

In einigen Leuten auf dem Platz bewirkt die Frau auf dem Dach etwas, das in irgendeiner Form einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt. Auf einmal ist da jemand, der ihnen vor Augen führt, dass man sich manchmal für einen Weg entscheiden muss, dass man nicht einfach weiter in der Alltagsroutine verharren kann wie bisher, dass man etwas riskieren muss, um im Leben weiterzukommen oder neue Freiheiten zu gewinnen. Sie treffen Entscheidungen, die sie sonst nicht getroffen hätten, werden mit lange verschütteten Traumata konfrontiert oder durchleben noch einen allerletzten „goldenen Tag“. In diesen wenigen Stunden, die der Roman umfasst, wird der Leser Teil ihres Lebens mit ganz normalen Wünschen, Ängsten und Problemen. Jeder hat etwas in seiner Biografie, das ihn aus der Norm fallen lässt, in seinen eigenen Augen oder den Augen der Mitmenschen. Auch die Frau auf dem Dach lebt nicht nach gängigen Vorstellungen. Sie lebt „alternativ“, befreit Topfpflanzen aus ihren „Gefängnissen“ und geht keiner geregelten Arbeit nach. Einige der Schaulustigen auf dem Dorfplatz haben für sie nur ein „Spring doch endlich!“ übrig, andere überlegen, ob sie selbst nicht auch Grund genug hätten dort oben zu stehen.

Alle zehn beschriebenen Personen, darunter der Freund der Frau und ihre Schwester,  treffen in diesen Stunden eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Die langfristigen Folgen bleiben allerdings, wie auch im richtigen Leben, dem Leser verborgen. Hier endet das Buch. Mich hat es nicht gestört, dass sich nicht alles bis in die letzte Konsequenz auflöst. Die einzelnen Biografien bieten viele Überraschungen, die die Erzählung interessant und kurzweilig machen. Vieles, das anfangs ganz klar erscheint, stellt sich am Ende dann doch ganz anders dar und als Leser muss man sich im Lauf der Erzählung von einigen vorgefassten Meinungen verabschieden. Nicht alles endet als Happy End, trotzdem ist „Der Sprung“ ein positives Buch, das Spaß macht zu lesen.

„Schnell die nächste Frage, mir ist gar nicht wohl.“

Henry nickte. „In Ordnung“, sagte er. „Was tröstet dich?“

Der dürre Lukas hob die Dose wie eine Flöte an den Mund und blies hinein, ein dumpfes Pfeifen ertönte. „Schwierig, wirklich schwierig“, sagte er, „da muss ich nachdenken.“ Er dachte nach und blies dabei immer wieder in die Dose. „Doch, ich weiß“, sagte er dann, „ich weiß was: dass nichts so bleiben wird, wie es ist. Dass nichts für immer ist. Ehrlich, jeden Tag kann sich ganz plötzlich etwas ändern, und nichts ist mehr wie vorher, und da ist dann vielleicht auch mal was richtig Gutes dabei für mich. Ein Hackbraten mit Stampf oder eine eigene Wohnung oder so. Eine schöne Frau, so eine richtig schöne, die bei mir übernachtet, weil sie das möchte. So was."

 

 

Anne Cathrine Bomann: Agathe (2019)

Standort: Romane Bom / Onleihe: Belletristik & Unterhaltung

Bildquelle: buchhandel.de

Ein Psychiater am Ende seines Berufslebens zählt die Sitzungen und Patienten, die er noch überstehen muss, bis er mit 72 endlich in den Ruhestand gehen kann. Achthundert Gespräche liegen noch vor ihm, die er mit professioneller Distanz abwickeln möchte. Er hört seinen Patienten schon gar nicht mehr zu, sondern wirft nur ab und zu ein „hm“ ein, was die Patienten aber nicht zu stören scheint. Sein früherer Wunsch, den Menschen zu helfen und vielleicht sogar Leben zu retten, ist schon längst einer traurigen Ernüchterung gewichen. So sitzt er die vereinbarte Zeit ab und zeichnet aus Desinteresse und Langweile während der Therapiesitzungen Vögel.

Dann kommt Agathe in seine Praxis und fordert einen Behandlungstermin. Er versucht, sie abzuwimmeln mit dem Hinweis, dass er die Behandlung wegen seines baldigen Ruhestands nicht zu Ende führen wird, aber Agathe bleibt hart. Was sie braucht, ist jemand, mit dem sie reden kann und der ihr zuhört. Weil ihm eine Ablehnung noch mühsamer erscheint als eine „Therapie“ willigt er ein.

Nun passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat. Agathe erzählt nicht nur, sondern stellt ihrerseits Fragen, fordert ehrliche Antworten und zwingt ihn über sein eigenes Leben nachzudenken. Er merkt, dass Agathes Probleme auch seine eigenen sind: sein Gefühl, vom Leben ausgeschlossen zu sein, unerklärliche Ängste und ein Gefühl der inneren Leere, seine Unfähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren, obwohl genau das seit 50 Jahren sein Beruf ist. Auf einmal stellt er fest, dass die Aussicht in Rente zu gehen für ihn eine absolut deprimierende Vorstellung ist, weil er keine Vorstellung hat, was er dann mit sich und der Zeit anfangen soll, außer „seinem Körper beim Verfall zuzuschauen“.

Auch seine Sekretärin, die ihm 30 Jahre lang schweigend die Praxis geführt hat, entpuppt sich auf einmal als menschliches Wesen mit Bedürfnissen, die ihn völlig überfordern und seinen eingefahrenen Lebensrhythmus durcheinanderbringen. Dennoch fühlt er sich verpflichtet zu helfen, denn „was wäre er sonst als Mensch noch wert?“

Auf knappen 160 Seiten stellt die dänische Psychologin Anne Cathrine Bomann Fragen wie: Gibt es im Leben die Möglichkeit, noch einmal neu zu beginnen? Was berührt uns? Was macht uns als Menschen aus? Und vor allem: Was wissen wir überhaupt über die Menschen, denen wir täglich begegnen, die ein Teil unseres Lebens sind und immer wieder unseren Weg kreuzen?

Ein kurzes Buch, das viel Raum zum Nachdenken lässt, aber trotz seines Inhalts nicht depressiv macht sondern subtil ironisch den Leser gelegentlich sogar zum Schmunzeln bringt. Meiner Meinung nach unbedingt lesenswert!

 

 

Arnaud Dudek: Strand am Nordpol (2014, dt. 2016)

Standort: Romane: Dud

Bildquelle: buchhandel.de

Dieses kleine, 120 Seiten dünne Buch habe ich, ehrlich gesagt, ursprünglich aus Mitleid mit nach Hause genommen. Sein Einband ist derartig hässlich, dass ich erwartungsgemäß der Erste war, der sich dieses Buch nach vier Monaten in unserem Bestand ausgeliehen hat. Um so überraschter war ich dann von seinem Inhalt:

Der Mittdreißiger Jean-Claude Stillmann steckt in einer tiefen Lebens- und Sinnkrise. Er hat seine Arbeit in einer Fabrik verloren, seine Ehefrau Fanny mit der gemeinsamen Tochter Lily ebenso. Aus Geldmangel muss er wieder bei seinen Eltern einziehen. Françoise Vitelli hingegen ist Witwe und rund 40 Jahre älter als Jean-Claude. Bei einem Treffen bei einem Glas Porto, ausgelöst durch eine verlorene Digitalkamera, kommen beide ins Gespräch. Sie haben viel zu erzählen, denn beide haben schmerzliche Verluste erlitten und sind einsam. Während bei Jean-Claude die Scheidung die Familie zerrissen hat und er immer noch unter dem frühen Tod seiner leiblichen Mutter leidet, sind es bei Françoise die Umstände des Todes ihres Mannes Alfonso vor rund zehn Jahren. In den folgenden Monaten treffen sich die beiden immer wieder und Jean-Claude bringt der älteren Frau den Gebrauch einer Digitalkamera bei und kauft ihr auf Wunsch einen Computer, mit dem Françoise unter dem Pseudonym „Bonnie“ sogar Dating-Seiten aufsucht.

Auf wenigen Seiten werden aber nicht nur die Geschichten von Françoise, ihrem verstorbenen Mann Alfonso und Jean-Claude erzählt, sondern auch die der Morenos, Freunde der Vitellis. Außerdem erfährt der Leser die Geschichte von Jean-Claudes‘ Exfrau Fanny und auch von seinem Freund Pierre Lacaze, der die Bekanntschaft zu Françoise Vitelli angebahnt hat.

Das Grandiose an diesem Roman ist aber vor allem die oft humorvoll-analytische Erzählstimme. Der Erzähler ist bei Dudeks Roman keine unbemerkte Figur im Hintergrund, sondern er führt ein interessantes Eigenleben, mischt sich ein, kritisiert die Figuren, korrigiert sie und erklärt dem Leser, warum er mal eben von der Hauptgeschichte abweicht. Er ändert sogar das Ende eines seiner fiktiven Handlungsstränge, als würde ihm beim Erzählen plötzlich einfallen, dass eine andere Variante angemessener wäre.

Fazit: Dieser kurze, ungewöhnliche Roman ist meiner Meinung nach unbedingt lesenswert. Er handelt vom Schicksal und wie jeder einzelne damit umgehen kann und davon, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Ein hoffnungsfrohes, völlig unsentimentales Buch über die Liebe und das Leben.

„Ein älterer Mann betritt das Café, schöne Erscheinung, hübscher Hut. Er sucht jemanden mit den Augen, zuckt mit den Schultern, setzt sich neben ein jugendliches Paar. Das ist er, das muss er sein. Seine Hände halten eine Schachtel, die mit einem Geschenkband umwickelt ist. Er wartet auf „das weibliche Energiebündel, das Verdi-Opern, Schokolade und Krimis liebt“, das sich mit ihm in diesem Café in der Freiheitsstraße verabredet hat, diese Bonnie, die er flüchtig kannte, aber die ihm die Lust zurückgegeben hat, sich in den Sand zu setzen und das Meer zu betrachten. Einen Strand am Nordpol: Das ist es, was auch Mandragore mit Bonnie entdeckt hat. Eine Landschaft, so wenig stimmig wie fantastisch. Ein unerwarteter Hauch Hoffnung. Wenn es so etwas gib, dann ist alles möglich. Passieren wir ungehindert die letzten Kontrollposten....“

 

 

Ingo Zamperoni: Anderland (2018)

Standort: Onleihe: Sachmedien, internationale Politik

Bildquelle: buchhandel.de

Ingo Zamperoni, Jahrgang 1974, studierte Amerikanistik, Jura und Geschichte in Deutschland und Boston. Nach dem Master arbeitete er unter anderem als Inlandskorrespondent für „Tagesschau" und „Tagesthemen“. Im Februar 2014 wechselte er für drei Jahre nach Washington als ARD‐Auslandskorrespondent, seit Herbst 2016 moderiert er die „Tagesthemen“. Er lebt heute mit seiner US-amerikanischen Frau und seinen drei Kindern in Hamburg. Sein erstes Buch „Fremdes Land Amerika. Warum wir unser Verhältnis zu den USA neu bewerten müssen", das er noch unter der Präsidentschaft von Barack Obama verfasste, wurde 2016 ein Bestseller.

Im Vorwort zu seinem neuen Buch „Anderland. Die USA unter Trump - ein Schadensbericht“ schreibt der Autor:

„Dennoch sehe ich die Chancen für Donald Trumps Wiederwahl 2020 höher als jene für eine Abwahl. Warum das so ist und was diese Präsidentschaft längerfristig mit der amerikanischen Gesellschaft und Politik macht, welche Stimmung in der Hauptstadt Washington einerseits und im Land andererseits herrscht, darum geht es in diesem Buch. Und darum, welche Folgen das alles für uns in Deutschland und Europa hat, welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen. Natürlich ist es unmöglich, die ständigen, erratischen Wendungen und Entwicklungen dieser US-Regierung zu berücksichtigen. Selbst Tageszeitungen kommen da kaum mit. Aber die grundlegenden Auswirkungen, die Veränderungen, die Gründe für Spaltung und Konfrontation lassen sich klar und losgelöst von den neuesten Ereignissen nachzeichnen.“

Mir hat dieses Buch vor allem wegen seiner differenzierten Sicht auf die Zustände in Amerika gefallen. Der Autor beleuchtet die Regierungszeit Trumps bis 2018 sowohl aus der Sicht seiner Anhänger, als auch der seiner Gegner, in einem ruhigen, sachlichen Stil, ohne zu diffamieren oder Panik zu verbreiten. Sein eigener Standpunkt wird zwar deutlich, er behält aber seine Meinung sehr im Hintergrund, wird nur manchmal erfrischend ironisch. Bereichert wird der Text durch berufliche und private Erfahrungen und Erlebnisse des Autors als Journalist und als Schwiegersohn eines bekennenden Republikaner-Wählers. Zamperoni versucht in einer gut lesbaren Art und Weise zu erklären, warum gerade wir als Deutsche oft so verständnislos Richtung Amerika blicken und uns fragen, was da gerade abläuft.