Hier finden Sie ab sofort jeden Monat eine besondere Buchempfehlung von Frau Graßl

 

 

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat (2018)

(Standort: Bücherei Romane Win)

 

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1943 in St. Martinsville, Louisiana: Ein 18-jähriger Schwarzer namens Will ist in dem kleinen Ort zum Tode verurteilt worden, weil er angeblich ein weißes Mädchen, die Tochter des ortsansässigen Bäckers, vergewaltigt haben soll. Er sagt aus, dass sich die beiden geliebt hätten, aber das Mädchen kann seine Aussage nicht mehr bestätigen. Sie hatte sich am Tag nach dem Vorfall mit der Waffe ihres Vaters selbst erschossen.

Viele im Ort wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, doch Kritik gibt es nur innerhalb der eigenen vier Wänden. Selbst dem kürzlich ernannte Staatsanwalt Polly, der die Stelle angetreten hatte, um gegen Rassismus anzutreten und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, kommen immer mehr Zweifel an der Verhältnismäßigkeit des Urteils. Er fühlt sich allerdings zu dieser Entscheidung genötigt, als eine Gruppe von Klu-Klux-Klan-Anhängern droht, seinen Sohn Gabe zu entführen und zu töten.

Will selbst hat sich im Gefängnis mit seinem Schicksal abgefunden und aus großer Trauer und Schuldgefühlen seiner Freundin gegenüber seinen bevorstehenden Tod akzeptiert. Jetzt, so kurz vor der Hinrichtung, möchte er eigentlich nur noch, dass das Warten ein Ende hat.

Der Roman beginnt wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung um Mitternacht. Elizabeth Winthrop lässt in kurzen Passagen verschiedene Personen zu Wort kommen, die in irgendeiner Weise mit dem Geschehen in Verbindung stehen. Da ist zum Beispiel der Priester Hannigan, der Will in seinen letzten Stunden begleiten soll, oder Frank, der Vater von Will, der seiner Frau versprochen hat rechtzeitig einen Grabstein zu besorgen und daran am Ende zu scheitern droht. Oder die Tankstellenpächter Dale und Ora, deren einziger Sohn Tobias kürzlich zum Militär eingezogen wurde und nun in Asien an der Front kämpft. Der Leser begleitet auch Lane, einen wegen Einbruchs und Totschlags verurteilten Häftling, der zusammen mit einem Gefängniswärter einen mobilen elektrischen Stuhl nach St. Martinsville transportiert, und natürlich Will, der nach der monatelangen Zeit des Nichtstuns im Gefängnis nun von den vorgeschriebenen Vorbereitungen für die Hinrichtung überrollt wird.

Feinfühlig erzählt die Autorin, wie die einzelnen Personen mit dem Urteil und ihrem jeweils eigenen Gewissen umgehen, jetzt, wo die Hinrichtung unmittelbar bevorsteht und nicht mehr aufzuhalten ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den verschiedenen Vater-Sohn-Konstellationen im Roman. Die Handlung entwickelt sich ungeheuer spannend, weil alles auf die unaufhaltsam näher rückende Stunde der Hinrichtung zuläuft, nach der es kein Zurück mehr geben kann. Auf keinen Fall also vorher das Ende des Romans lesen!

 

Fazit: eine eindrückliche Anklage gegen Rassismus und eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. 

 

 

Robert Seethaler: Der letzte Satz (2020)

Standort: Bücherei: Romane See; Onleihe

 

 

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Gustav Mahler ist mit erst 51 Jahren am Ende seines Lebens angekommen. Der zu Lebzeiten berühmteste Musiker seiner Zeit sitzt 1911 einsam und krank an Deck eines Transatlantikdampfers auf dem Rückweg von New York nach Wien, es ist seine letzte Reise. Er lässt noch einmal die wichtigsten Stationen seines Lebens Revue passieren: seine Liebe zu Alma und seine gescheiterte Ehe, seine beiden Töchter, von denen eine als Kind bereits gestorben war, seine größten musikalischen Erfolge in Europa und Amerika. Ein Schiffsjunge, der extra dazu abgestellt ist, dem Meister alle Wünsche zu erfüllen, lenkt seine Gedanken und Erinnerungen in immer neue Bahnen. Erstaunlicherweise ist es auch dieser Schiffsjunge, der in dem Roman das letzte Wort hat.

 

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, schrieb in seinem Roman „Der Trafikant“ ein Portrait des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Nun hat er sich den österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler vorgenommen. Mahler habe für seine Sache gebrannt. Er sei für die Liebe und für die Arbeit entzündbar gewesen und er war ein Despot, wenn es darum ging, seine Interessen durchzusetzen. Und letztlich sei Mahler auch an seiner Entzündbarkeit gestorben, charakterisierte Seethaler den Künstler in einem Interview.

Sein Roman „Der letzte Satz“ ist für eine Biographie viel zu knapp, er reißt eher die wichtigsten Stationen im künstlerischen und privaten Leben des Musikers kurz an, aus dessen eigener Sicht und in der Situation des Abschiednehmens kurz vor dem Tod.

 

Für einen Musiker kommt in diesem Werk sicherlich Mahlers kompositorisches Werk viel zu kurz, für einen Historiker sind die Lebensdaten zu knapp. Wem aber ein (nicht im negativen Sinn) oberflächlicher Eindruck vom Menschen und dem Künstler Mahler reicht und wer vielmehr über das Nebeneinander von Ruhm und Vergänglichkeit, öffentlichem Erfolg und privatem Scheitern nachdenken möchte, und das auf einem hohen sprachlichen Niveau, der ist von diesem Roman bestimmt begeistert.


 

James Gould-Bourn: Pandatage (2020)

Standort: Bücherei Romane Gou

Onleihe: Hörbücher

 

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Danny Malooney‘s Leben verläuft nicht gerade glücklich: trotz seiner 28 Jahre hat er nie eine Ausbildung abgeschlossen und deswegen arbeitet er als ungelernte Hilfskraft für wenig Lohn auf einer Baustelle. Seinen 11jährigen Sohn erzieht er mehr schlecht als recht alleine, seit seine große Liebe ein Jahr zuvor mit dem Auto tödlich verunglückt ist. Er schafft es kaum, seinen Alltag zu organisieren und kommt notorisch zu spät zur Arbeit. Dannys größte Sorge ist aber, dass sein Sohn Will seit dem Unfall der Mutter kein Wort mehr spricht.

Eines Tages wird es seinem Chef zu viel und er kündigt Danny fristlos wegen seiner Unzuverlässigkeit. Hinzu kommt, dass er auch schon monatelang mit der Miete im Rückstand ist und sein Vermieter ihm eine letzte Frist setzt, bevor er ihn aus der Wohnung wirft. Nun muss Danny schnellstens Geld beschaffen. Nach vielen Fehlversuchen kauft er sich von seinem letzten Geld ein billiges Pandakostüm, um als Kleinkünstler im Park seinen Unterhalt zu verdienen. Das geht natürlich komplett schief, da Danny auch nicht tanzen kann.

Eines Tages, als Danny sich wieder einmal im Park völlig erfolglos als Panda verkleidet lächerlich macht, sieht er, dass Will von Schulkameraden wegen seiner Sprachlosigkeit gemobbt wird. Er hilft seinem Sohn, der ihn nicht erkennt, und dieser fasst Vertrauen zu dem Pandamann und spricht sogar mit ihm. Er erzählt ihm, wie es ihm seit dem Tod seiner Mutter geht, dass sein Vater es zwar gut meint, er aber völlig versagt in der Erziehung und aus welchem Grund er eigentlich nicht mehr reden mag. Danny merkt sich alles, macht sich später Notizen und versucht unauffällig sein Verhalten seinem Sohn gegenüber zu verbessern. Allerdings ist das Geldproblem damit noch nicht gelöst. Nun merkt er, dass er doch Freunde hat, die ihm helfen wieder auf die Füße zu kommen und ihn darin bestärken, einmal im Leben etwas durchzuziehen und nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufzugeben.

 

Dieser Roman ist manchmal melancholisch, oft aber komisch und immer unterhaltsam. Auch am Ende (es gibt ein Happy End, soviel sei verraten) fällt das Niveau nicht ab und überrascht den Leser doch ein bisschen, indem eben nicht das eintrifft, was man erwartet. Rührend ist, wie sich Danny trotz aller Unzulänglichkeiten immer um seinen kleinen Sohn bemüht.

Fazit: keine große Weltliteratur, aber eine unterhaltsame Sommerlektüre, die nie langweilig oder oberflächlich ist und ein gutes Gefühl beim Leser hinterlässt.

 

 

 

 
Susan Hill: Stummes Echo (2018)

Standort: Bücherei Romane Hil

 

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„May Prime hatten den ganzen Nachmittag in dem Korbstuhl neben dem Bett ihrer Mutter gesessen, bis sie um sieben Uhr plötzlich aufsprang, aus dem Haus lief und in den bewölkten Himmel starrte, weil sie die Sterbende keine Sekunde länger ertragen konnte.“

 

So beginnt der Roman „Stummes Echo“ der britischen Autorin Susan Hill. Es ist eine Familiengeschichte, die auf einem Hof im Norden Englands spielt. Einsamkeit und harte Landarbeit prägen die drei Generationen der Familie Prime, gesprochen wird nicht viel, gejammert auch nicht, Schicksalsschläge werden hingenommen.

Bereits am Anfang des Romans stirbt die Mutter, der Vater und die Großeltern sind schon lange tot. Die vier Geschwister May, Frank, Berenice und Colin treffen sich zur Beerdigung und zur Verlesung des Testaments. In Rückblicken erfährt der Leser die Lebensgeschichten der einzelnen Geschwister: May, die intelligenteste der vier, bekommt ein Stipendium und studiert in London, bis Panikattacken sie wieder auf den elterlichen Hof treiben. Colin heiratet ins Nachbardorf und übernimmt dort die Landwirtschaft seiner Schwiegereltern. Berenice heiratet einen sehr viel älteren Mann und zieht weg. Frank, der schon als Kind anders war als die anderen, macht Karriere in London, hat aber nach Jahren plötzlich das Bedürfnis, seine Kindheit ohne Rücksicht auf die Geschwister aufzuarbeiten und sich aus der Familie zu befreien, die er dadurch brutal zerstört.

 

In diesem Roman geht es um das kollektive Gedächtnis einer Familie, darum, an was man sich erinnern will und was man lieber vergisst um weiter miteinander leben zu können. Wie Erinnerungen auseinanderdriften können, wenn man nicht miteinander redet. Wie Emotionen das Gedächtnis bestimmen. Was Wahrheit für jeden einzelnen bedeutet. Es geht auch um Eifersucht und Rivalität unter Geschwistern, um das Loslösen vom Elternhaus und darum, inwieweit die Kindheit das gesamte Leben beeinflusst. Große Themen auf nur 165 Seiten!

 

 

Isabelle Autissier: Klara Vergessen (2020)

Standort: Onleihe

 

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Klara Vergessen – Nein, in diesem Roman geht es genau darum, dass Klara nicht vergessen ist, denn ihr Schicksal wirkt in den nachfolgenden Generationen weiter.

Eine junge russische Geologin wurde während der Stalinzeit – wie so viele Menschen - verschleppt und in den Gulag gesteckt. Wegen kleinster Kleinigkeiten zu Staatsfeinden erklärt, verschwanden Millionen von Menschen und kamen meist nie mehr zurück. So auch Klara.

Ihre Geschichte wird in diesem Buch von hinten her aufgerollt. Ihr Enkelsohn Juri, ein in den USA lebender Ornithologe, bekommt eine Mail aus seiner Heimatstadt Murmansk, dass sein Vater, zu dem er 23 Jahre lang keinen Kontakt hatte, im Sterben liege. Und so macht sich Juri auf den Weg nach Russland, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Und natürlich kommt, was in so einer Situation kommen muss, Juri wird mit seiner Kindheit und Jugend konfrontiert. Und der Leser bzw. die Leserin mit den Gegebenheiten in der UdSSR nach dem 2. Weltkrieg bis hinein in die 90iger Jahre.

Rubin, Juris Vater, der Sohn von Klara also, hat seine Mutter, als Vierjähriger verloren und wurde in äußerst ärmlichen Verhältnissen groß. Rubin lernte bald, dass er nur eine Chance hätte, wenn er gewalttätig und grausam sein würde. Und so wurde aus dem Sohn der Wissenschaftlerin ein rauher, agressiver Mann, eher zufällig ein Fischer, ein Kaptän, der mit eiserner Hand seinen Fischtrawler regierte, Unmengen Wodka soff und sich die Frauen nahm, ohne je Liebe zu spüren. Liebe hatte er auch nicht für seinen Sohn, den er piesackte, bis der letztlich die Flucht nach Amerika antrat.

Und jetzt sitzt Juri am Sterbebett seines Vaters und wird von diesem gebeten, Klaras Geschichte zu ergründen. Juri macht sich also auf den Weg und sucht im heutigen Russland nach Spuren seiner Großmutter.

Klaras Geschichte ist ebenfalls eng mit der Geschichte Russlands verwoben. Zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt, wird sie nach nur 3 Jahren auf die Insel Sipajewna geschickt, wo sie nach Uran suchen soll. Russland war inzwischen im Atomzeitalter angekommen und auf der Suche nach eigenen Uranvorkommen. Die Zeit auf der Insel war zwar hart, aber unvergleichlich viel angenehmer als im Lager. Klara konnte wieder arbeiten und freundete sich mit dem einheimischen Volk der Nenzen an. Nach Stalins Tod hofften die Gefangenen auf ihre Freilassung, doch stattdessen kam ein neuer Kommandant, der autoritäre Regeln einführte. Das vergleichsweise angenehme Leben war vorbei. Als der Kommandant versuchte, Klara zu vergewaltigen, konnte sie sich befreien und fliehen.

Und hier verliert sich ihre Spur. Auch für Juri, der sogar aus den USA extra auf die Insel gekommen war. Und hier wird ihm klar, wie eng sein Schicksal und das seines Vaters mit dem von Klara verknüpft sind.

Familiengeschichte und Historie sind in diesem Roman eng verknüpft, was ihn spannend und auf jeden Fall lesenswert macht.

 

Cilia Banhierl 

 

 


Yann Arthus-Bertrand: "Dünnes Eis.

 

Was braucht die Welt, damit sie hält?“ (2019)

Standort: Bücherei: Sachbücher Kinder, Fach 13 (Erde)


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Diesmal habe ich ein völlig anderes Buch entdeckt, keinen Roman, sondern ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche. Empfohlen wird das Buch ab 10 Jahren.

 

Auf jeweils einer Doppelseite greift der Fotograf Yann Arthus-Bertrand ein Umweltproblem auf und illustriert dies mit großartigen Satellitenbildern und Luftaufnahmen, oftmals ergänzt durch anschauliche Piktogramme. Themen sind zum Beispiel die Veränderungen der Landschaft durch den Städtebau heute (Dubai) und in der Vergangenheit (Kambodscha), Energiegewinnung und ihre Folgen (Kuwait), die ungleiche Verteilung des Wassers (Kasachstan), Klimaerwärmung und ihre Folgen wie die Eisschmelze (Kanada) und vieles mehr. Jeweils an einem konkreten Beispiel auf der Erde wird der momentane Zustand durch Aufnahmen aus großer Höhe dokumentiert.

 

Der Text ist kurz und kindgerecht, die Bilder fand ich absolut faszinierend und wunderschön. Die Piktogramme bieten eine Menge Informationen und Zahlen, die auch für Erwachsene neu und interessant sein dürften. Die Luft- und Satellitenaufnahmen zeigen eine völlig neue Perspektive auf Dinge, die wir eigentlich zu kennen glauben. Es lohnt sich auf alle Fälle, dieses Buch alleine oder mit seinen Kindern durchzublättern und auf sich wirken zu lassen. Es zeigt eindrucksvoll, wie schützenswert unsere Erde ist und welche Spuren der Mensch bereits hinterlassen hat.

 

Der Autor Yann Arthus-Bertrand wurde 1946 in Paris geboren. Er studierte Biologie und arbeitet als Fotograf, Reporter und Umweltschützer. 2005 gründete er die Non-Profit-Organisation „GoodPlanet“, die Lösungen für eine nachhaltigere Lebensweise entwickeln und das öffentliche Bewusstsein für Umweltfragen schärfen will. International bekannt wurde er mit seinem Fotoband „Die Erde von oben“. 2009 wurde Yann Arthus-Bertrand für sein Engagement für die Umwelt zum Sonderbotschafter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ernannt.

Die Fotos in diesem Buch sind zum größten Teil vom Autor selbst, andere stammen von der Firma Airbus. Die Satellitenaufnahmen wurden von der NASA zur Verfügung gestellt.

 

 

Fred Vargas: „Der Zorn der Einsiedlerin“ (2018)

Standort: Bibliothek: Romane Var

Onleihe: Krimi, eAudio

 

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„Der Zorn der Einsiedlerin“ ist der 11. Band der Serie um Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, Leiter der Brigade Criminelle des 13. Pariser Arrondissements.

 

Adamsberg wird aus seinem Urlaub auf Island zurückgerufen, um den gewaltsamen Tod einer 37jährigen Frau aufzuklären. Dies gelingt ihm nach kurzer Zeit und eher nebenbei. Bei den Ermittlungen zu diesem Fall stößt er zufällig auf Pressemeldungen, die von drei ungewöhnlichen Todesfällen in Südfrankreich durch eine bestimmte Art Giftspinne, der Einsiedlerspinne Loxosceles reclusa, berichten. Trotz erheblichen Widerstands in seiner eigenen Truppe beginnt er zu ermitteln und erfährt so von einer Gruppe Jugendlicher, genannt die „Einsiedlerspinnen-Bande“, die 60 Jahre zuvor in einem französischen Waisenhaus andere Kinder über einen langen Zeitraum hinweg tyrannisiert haben. Alle drei Toten waren damals Mitglieder dieser Bande. Adamsberg vermutet den Rachefeldzug eines der Opfer und findet bei seinen Recherchen immer mehr zweifelhafte Todesfälle unter den ehemals neun Bandenmitgliedern.

Parallel dazu verarbeitet der etwas verschrobene Kommissar bei einem Besuch bei seinem Bruder ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend während einer Pilgerfahrt mit seinen Eltern nach Lourdes. Dort hatte er eine schockierende Begegnung mit einer Einsiedlerin (Rekluse), die sich nach jahrhundertealtem Brauch in einem alten Taubenschlag hatte einmauern lassen, um ihr restliches Leben bis zum Tod im Gebet zu verbringen, angewiesen auf die Spenden der Gläubigen.

 

Dass am Ende alles mit allem zusammenhängt, muss bei den Krimis von Fred Vargas natürlich so sein, auch wenn die Zufälle manchmal arg konstruiert wirken und auch die Schlussfolgerungen, die Adamsberg aus eigentlich unabhängig scheinenden Ereignissen zieht, strapazieren das logische Empfinden des Lesers manchmal schon sehr. Trotzdem ist diese Buch für mich gute Unterhaltung mit skurrilen Einfällen, die am Ende dann doch eine in sich logische Geschichte bilden. Wie immer bei den Fällen von Jean-Baptiste Adamsberg darf man keinen spannenden, realistischen Thriller erwarten, sondern eher eine kuriose, aber sprachlich schöne Lektüre mit ungewöhnlichen Protagonisten. Nach ein paar schwächeren Bänden ist „Der Zorn der Einsiedlerin“ für mich einer der besten dieser Serie.

 

„Fred Vargas ist einfach großartig. Das ist das Schöne an diesen Krimis: die schrägen Dialoge, die Ironie und die Leichtigkeit, die alle Ermittlungen beflügeln.“

(Brigitte)

 

„Vargas stellt mit ihrer raffinierten Skurrilität, subversiven Eigenwilligkeit und vollkommenen Unausrechenbarkeit die Zukunft des Kriminalromans dar.“

(Denis Scheck, Der Tagesspiegel)

 

 

Norbert Scheuer: „Winterbienen“ (2019)

Standort: Onleihe: Belletristik

 

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Normalerweise lese ich weder Einleitungen am Anfang noch Danksagungen am Ende eines Buches, aber in diesem Fall habe ich es aus irgendeinem Grund doch getan. Dort erfuhr ich, dass die eben gelesene Geschichte auf Manuskripten basiert, die in einem alten Bienenstock in der Eifel gefunden wurden. Dies verleiht dem Buch über seinen reinen Inhalt hinaus eine Brisanz, die daraus resultiert, dass hier ein Ausschnitt aus einem tatsächlichen Leben beschrieben wird.

 

Der Roman setzt sich aus zahlreichen Tagebucheintragungen des Egidius Arimond - Bienenzüchter, Epileptiker, Frauenheld, Altphilologe und Fluchthelfer - zusammen, die im Januar 1944 beginnen und bis Mai 1945 reichen. Zusätzlich werden fiktive Berichte über das Leben eines mittelalterlichen Mönchs eingeschoben, das Parallelen zum Leben des Egidius Arimond aufweist.

 

Egidius Arimond lebt in der Eifel in Kall, einem Bergarbeiterstädchen in der Nähe der belgischen Grenze. Er war Lateinlehrer am örtlichen Gymnasium und lebt seit seiner Entfernung aus dem Schuldienst von den Bienenstöcken, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Als „lebensunwertes Leben“ - er leidet seit seiner Kindheit an Epilepsie - wurde er von den Nazis zwangssterilisiert. Seiner Ermordung kann er entgehen, da sein Bruder ein hochdekorierter, gefeierter deutscher Kampfpilot ist. Weil er seine lebenswichtigen Medikamente auf dem Schwarzmarkt besorgen muss, schmuggelt er Juden in Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien, um zusätzliches Geld zu verdienen. Wegen seiner Krankheit ist er nahezu der einzige Mann, der in Kall zurückgeblieben ist. Damit zieht er den Neid vieler Familien auf sich, die Söhne und Ehemänner im Krieg verloren haben. Die Situation wird noch komplizierter, als Egidius Arimond ein Verhältnis mit der Frau eines hochrangigen Gestapo-Offiziers beginnt. Am Ende gelingt es ihm auch nicht mehr, Nachschub für seine Tabletten zu bekommen. Um dem geistigen Verfall durch die häufiger werdenden epileptischen Anfälle etwas entgegenzusetzen verfasst er schließlich das Tagebuch, auf dem diese Erzählung basiert.

 

Egidius Arimond ist kein Held im eigentlichen Sinn, er rettet die Juden nicht aus idealistischen, sondern aus ganz pragmatischen Gründen, nämlich um Geld zu verdienen und sein eigenes Leben zu retten. Am Ende kann aber auch er sich dem allgegenwärtigen Hass nicht mehr entziehen und so sieht er nur noch in einem Gewaltakt einen Ausweg aus seiner Lage, obwohl er doch eigentlich den Frieden seiner Bienen so sehr schätzt.

 

 

"Wie es einem Autor gelingen kann, in einer leisen Sprache das Grauen zu beschreiben, das ist großartig.“

ZDF Kultur, Christine Westermann

 

 

Ian McEwan: „Die Kakerlake“ (2019)

Standort: Onleihe: Belletristik

 


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„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“

 

Wer sich bei diesem ersten Satz an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erinnert, liegt hier völlig richtig. Der Brite Ian McEwan hat Franz Kafka zum Vorbild genommen um eine bitterböse Satire auf den Brexit zu schreiben (den er allerdings in „Die Kakerlake“ nie erwähnt). Anders als bei Kafka, bei dem Gregor Samsa zum Insekt wird, wird bei McEwan der Körper des britischen Premierministers von einer Kakerlake übernommen. Diese bestimmt von da an die Politik in Großbritannien und benimmt sich dabei nicht wesentlich anders als der menschliche Politiker vorher, zumindest fällt niemand ein Unterschied auf: Verträge werden gebrochen, fake news verbreitet mit dem Ziel, die Wirtschaft des gesamten Landes komplett umzukrempeln. Die Opposition sieht dabei tatenlos zu und das resignierte Volk lässt sich mit falschen Versprechungen ruhigstellen. Ironischerweise taucht im Laufe der Erzählung die Frage auf, ob der amerikanische Präsident vielleicht auch eine Kakerlake ist.

 

Ich bin ein großer Fan von Ian McEwan und finde den Text faszinierend. Die Umkehrung des literarischen Vorbilds ist ihm auf großartige Weise nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich gelungen. Dabei ist eine Novelle auf hohem Niveau herausgekommen, die an Sarkasmus kaum zu überbieten ist. Nur ein Brite kann sich meiner Meinung nach ein derartig böses und gnadenloses Urteil über seine Politiker und den Brexit leisten.

 

Fazit: ein spannender und komischer Text, bei dem man sich immer wieder fragt, ob das noch Fiktion oder doch schon Realität ist. Ob Engländer darüber lachen können, weiß ich allerdings nicht.

 

In der Bücherei haben wir vom selben Autor:

„Am Strand“ (2007), „Solar“ (2010), „Kindeswohl“ (2015), „Maschinen wie ich“ (2019)

 

 

 

Simone Lappert: Der Sprung (2019)

Standort: Romane Lap

Onleihe: Belletristik & Unterhaltung

 

 


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In Thalbach, einer deutschen Kleinstadt in der Nähe von Freiburg, steht eine Frau auf einem Hausdach. Keiner weiß, warum sie dort oben steht und was sie will, aber es wird dem Leser am Anfang schon klar, dass sie springen wird. Unten ist der ganze Ort versammelt und wartet, was nun geschieht. Die einen fotografieren, die anderen trinken Kaffee und genießen die Abwechslung, alle spekulieren, was da gerade passiert und Feuerwehr und Polizei versuchen das Schlimmste zu verhindern.

In einigen Leuten auf dem Platz bewirkt die Frau auf dem Dach etwas, das in irgendeiner Form einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt. Auf einmal ist da jemand, der ihnen vor Augen führt, dass man sich manchmal für einen Weg entscheiden muss, dass man nicht einfach weiter in der Alltagsroutine verharren kann wie bisher, dass man etwas riskieren muss, um im Leben weiterzukommen oder neue Freiheiten zu gewinnen. Sie treffen Entscheidungen, die sie sonst nicht getroffen hätten, werden mit lange verschütteten Traumata konfrontiert oder durchleben noch einen allerletzten „goldenen Tag“. In diesen wenigen Stunden, die der Roman umfasst, wird der Leser Teil ihres Lebens mit ganz normalen Wünschen, Ängsten und Problemen. Jeder hat etwas in seiner Biografie, das ihn aus der Norm fallen lässt, in seinen eigenen Augen oder den Augen der Mitmenschen. Auch die Frau auf dem Dach lebt nicht nach gängigen Vorstellungen. Sie lebt „alternativ“, befreit Topfpflanzen aus ihren „Gefängnissen“ und geht keiner geregelten Arbeit nach. Einige der Schaulustigen auf dem Dorfplatz haben für sie nur ein „Spring doch endlich!“ übrig, andere überlegen, ob sie selbst nicht auch Grund genug hätten dort oben zu stehen.

Alle zehn beschriebenen Personen, darunter der Freund der Frau und ihre Schwester,  treffen in diesen Stunden eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Die langfristigen Folgen bleiben allerdings, wie auch im richtigen Leben, dem Leser verborgen. Hier endet das Buch. Mich hat es nicht gestört, dass sich nicht alles bis in die letzte Konsequenz auflöst. Die einzelnen Biografien bieten viele Überraschungen, die die Erzählung interessant und kurzweilig machen. Vieles, das anfangs ganz klar erscheint, stellt sich am Ende dann doch ganz anders dar und als Leser muss man sich im Lauf der Erzählung von einigen vorgefassten Meinungen verabschieden. Nicht alles endet als Happy End, trotzdem ist „Der Sprung“ ein positives Buch, das Spaß macht zu lesen.

 

„Schnell die nächste Frage, mir ist gar nicht wohl.“

Henry nickte. „In Ordnung“, sagte er. „Was tröstet dich?“

Der dürre Lukas hob die Dose wie eine Flöte an den Mund und blies hinein, ein dumpfes Pfeifen ertönte. „Schwierig, wirklich schwierig“, sagte er, „da muss ich nachdenken.“ Er dachte nach und blies dabei immer wieder in die Dose. „Doch, ich weiß“, sagte er dann, „ich weiß was: dass nichts so bleiben wird, wie es ist. Dass nichts für immer ist. Ehrlich, jeden Tag kann sich ganz plötzlich etwas ändern, und nichts ist mehr wie vorher, und da ist dann vielleicht auch mal was richtig Gutes dabei für mich. Ein Hackbraten mit Stampf oder eine eigene Wohnung oder so. Eine schöne Frau, so eine richtig schöne, die bei mir übernachtet, weil sie das möchte. So was."

 

Anne Cathrine Bomann: Agathe (2019)

Standort: Romane Bom

Onleihe: Belletristik & Unterhaltung

 

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Ein Psychiater am Ende seines Berufslebens zählt die Sitzungen und Patienten, die er noch überstehen muss, bis er mit 72 endlich in den Ruhestand gehen kann. Achthundert Gespräche liegen noch vor ihm, die er mit professioneller Distanz abwickeln möchte. Er hört seinen Patienten schon gar nicht mehr zu, sondern wirft nur ab und zu ein „hm“ ein, was die Patienten aber nicht zu stören scheint. Sein früherer Wunsch, den Menschen zu helfen und vielleicht sogar Leben zu retten, ist schon längst einer traurigen Ernüchterung gewichen. So sitzt er die vereinbarte Zeit ab und zeichnet aus Desinteresse und Langweile während der Therapiesitzungen Vögel.

Dann kommt Agathe in seine Praxis und fordert einen Behandlungstermin. Er versucht, sie abzuwimmeln mit dem Hinweis, dass er die Behandlung wegen seines baldigen Ruhestands nicht zu Ende führen wird, aber Agathe bleibt hart. Was sie braucht, ist jemand, mit dem sie reden kann und der ihr zuhört. Weil ihm eine Ablehnung noch mühsamer erscheint als eine „Therapie“ willigt er ein.

Nun passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat. Agathe erzählt nicht nur, sondern stellt ihrerseits Fragen, fordert ehrliche Antworten und zwingt ihn über sein eigenes Leben nachzudenken. Er merkt, dass Agathes Probleme auch seine eigenen sind: sein Gefühl, vom Leben ausgeschlossen zu sein, unerklärliche Ängste und ein Gefühl der inneren Leere, seine Unfähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren, obwohl genau das seit 50 Jahren sein Beruf ist. Auf einmal stellt er fest, dass die Aussicht in Rente zu gehen für ihn eine absolut deprimierende Vorstellung ist, weil er keine Vorstellung hat, was er dann mit sich und der Zeit anfangen soll, außer „seinem Körper beim Verfall zuzuschauen“.

Auch seine Sekretärin, die ihm 30 Jahre lang schweigend die Praxis geführt hat, entpuppt sich auf einmal als menschliches Wesen mit Bedürfnissen, die ihn völlig überfordern und seinen eingefahrenen Lebensrhythmus durcheinanderbringen. Dennoch fühlt er sich verpflichtet zu helfen, denn „was wäre er sonst als Mensch noch wert?“

Auf knappen 160 Seiten stellt die dänische Psychologin Anne Cathrine Bomann Fragen wie: Gibt es im Leben die Möglichkeit, noch einmal neu zu beginnen? Was berührt uns? Was macht uns als Menschen aus? Und vor allem: Was wissen wir überhaupt über die Menschen, denen wir täglich begegnen, die ein Teil unseres Lebens sind und immer wieder unseren Weg kreuzen?

Ein kurzes Buch, das viel Raum zum Nachdenken lässt, aber trotz seines Inhalts nicht depressiv macht sondern subtil ironisch den Leser gelegentlich sogar zum Schmunzeln bringt. Meiner Meinung nach unbedingt lesenswert!

 

 

 

Arnaud Dudek: Strand am Nordpol (2014, dt. 2016)

(Standort: Romane: Dud)

 

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Dieses kleine, 120 Seiten dünne Buch habe ich, ehrlich gesagt, ursprünglich aus Mitleid mit nach Hause genommen. Sein Einband ist derartig hässlich, dass ich erwartungsgemäß der Erste war, der sich dieses Buch nach vier Monaten in unserem Bestand ausgeliehen hat. Um so überraschter war ich dann von seinem Inhalt:

 

Der Mittdreißiger Jean-Claude Stillmann steckt in einer tiefen Lebens- und Sinnkrise. Er hat seine Arbeit in einer Fabrik verloren, seine Ehefrau Fanny mit der gemeinsamen Tochter Lily ebenso. Aus Geldmangel muss er wieder bei seinen Eltern einziehen. Françoise Vitelli hingegen ist Witwe und rund 40 Jahre älter als Jean-Claude. Bei einem Treffen bei einem Glas Porto, ausgelöst durch eine verlorene Digitalkamera, kommen beide ins Gespräch. Sie haben viel zu erzählen, denn beide haben schmerzliche Verluste erlitten und sind einsam. Während bei Jean-Claude die Scheidung die Familie zerrissen hat und er immer noch unter dem frühen Tod seiner leiblichen Mutter leidet, sind es bei Françoise die Umstände des Todes ihres Mannes Alfonso vor rund zehn Jahren. In den folgenden Monaten treffen sich die beiden immer wieder und Jean-Claude bringt der älteren Frau den Gebrauch einer Digitalkamera bei und kauft ihr auf Wunsch einen Computer, mit dem Françoise unter dem Pseudonym „Bonnie“ sogar Dating-Seiten aufsucht.

Auf wenigen Seiten werden aber nicht nur die Geschichten von Françoise, ihrem verstorbenen Mann Alfonso und Jean-Claude erzählt, sondern auch die der Morenos, Freunde der Vitellis. Außerdem erfährt der Leser die Geschichte von Jean-Claudes‘ Exfrau Fanny und auch von seinem Freund Pierre Lacaze, der die Bekanntschaft zu Françoise Vitelli angebahnt hat.

 

Das Grandiose an diesem Roman ist aber vor allem die oft humorvoll-analytische Erzählstimme. Der Erzähler ist bei Dudeks Roman keine unbemerkte Figur im Hintergrund, sondern er führt ein interessantes Eigenleben, mischt sich ein, kritisiert die Figuren, korrigiert sie und erklärt dem Leser, warum er mal eben von der Hauptgeschichte abweicht. Er ändert sogar das Ende eines seiner fiktiven Handlungsstränge, als würde ihm beim Erzählen plötzlich einfallen, dass eine andere Variante angemessener wäre.

 

Fazit: Dieser kurze, ungewöhnliche Roman ist meiner Meinung nach unbedingt lesenswert. Er handelt vom Schicksal und wie jeder einzelne damit umgehen kann und davon, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Ein hoffnungsfrohes, völlig unsentimentales Buch über die Liebe und das Leben.

 

„Ein älterer Mann betritt das Café, schöne Erscheinung, hübscher Hut. Er sucht jemanden mit den Augen, zuckt mit den Schultern, setzt sich neben ein jugendliches Paar. Das ist er, das muss er sein. Seine Hände halten eine Schachtel, die mit einem Geschenkband umwickelt ist. Er wartet auf „das weibliche Energiebündel, das Verdi-Opern, Schokolade und Krimis liebt“, das sich mit ihm in diesem Café in der Freiheitsstraße verabredet hat, diese Bonnie, die er flüchtig kannte, aber die ihm die Lust zurückgegeben hat, sich in den Sand zu setzen und das Meer zu betrachten. Einen Strand am Nordpol: Das ist es, was auch Mandragore mit Bonnie entdeckt hat. Eine Landschaft, so wenig stimmig wie fantastisch. Ein unerwarteter Hauch Hoffnung. Wenn es so etwas gib, dann ist alles möglich. Passieren wir ungehindert die letzten Kontrollposten....“

 

 

 

 

Ingo Zamperoni: „Anderland“ (2018)

(Standort: Onleihe: Sachmedien, internationale Politik)

 

 Bildquelle: buchhandel.de

 

Ingo Zamperoni, Jahrgang 1974, studierte Amerikanistik, Jura und Geschichte in Deutschland und Boston. Nach dem Master arbeitete er unter anderem als Inlandskorrespondent für „Tagesschau" und „Tagesthemen“. Im Februar 2014 wechselte er für drei Jahre nach Washington als ARD‐Auslandskorrespondent, seit Herbst 2016 moderiert er die „Tagesthemen“. Er lebt heute mit seiner US-amerikanischen Frau und seinen drei Kindern in Hamburg. Sein erstes Buch „Fremdes Land Amerika. Warum wir unser Verhältnis zu den USA neu bewerten müssen", das er noch unter der Präsidentschaft von Barack Obama verfasste, wurde 2016 ein Bestseller.

 

Im Vorwort zu seinem neuen Buch „Anderland. Die USA unter Trump - ein Schadensbericht“ schreibt der Autor:

„Dennoch sehe ich die Chancen für Donald Trumps Wiederwahl 2020 höher als jene für eine Abwahl. Warum das so ist und was diese Präsidentschaft längerfristig mit der amerikanischen Gesellschaft und Politik macht, welche Stimmung in der Hauptstadt Washington einerseits und im Land andererseits herrscht, darum geht es in diesem Buch. Und darum, welche Folgen das alles für uns in Deutschland und Europa hat, welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen. Natürlich ist es unmöglich, die ständigen, erratischen Wendungen und Entwicklungen dieser US-Regierung zu berücksichtigen. Selbst Tageszeitungen kommen da kaum mit. Aber die grundlegenden Auswirkungen, die Veränderungen, die Gründe für Spaltung und Konfrontation lassen sich klar und losgelöst von den neuesten Ereignissen nachzeichnen.“

 

Mir hat dieses Buch vor allem wegen seiner differenzierten Sicht auf die Zustände in Amerika gefallen. Der Autor beleuchtet die Regierungszeit Trumps bis 2018 sowohl aus der Sicht seiner Anhänger, als auch der seiner Gegner, in einem ruhigen, sachlichen Stil, ohne zu diffamieren oder Panik zu verbreiten. Sein eigener Standpunkt wird zwar deutlich, er behält aber seine Meinung sehr im Hintergrund, wird nur manchmal erfrischend ironisch. Bereichert wird der Text durch berufliche und private Erfahrungen und Erlebnisse des Autors als Journalist und als Schwiegersohn eines bekennenden Republikaner-Wählers. Zamperoni versucht in einer gut lesbaren Art und Weise zu erklären, warum gerade wir als Deutsche oft so verständnislos Richtung Amerika blicken und uns fragen, was da gerade abläuft. 

 

 

 

Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“ (1938)

(Standort: Bücherei: Romane Bos

Onleihe: Romane/Gesellschaft)

 

Bildquelle: buchhandel.de

  

„Der Reisende“ spielt im November 1938, am Tag nach der „Reichspogromnacht“ und in der Zeit danach. Der Protagonist Otto Silbermann ist ein wohlhabender jüdischer Geschäftsmann, der sich bis zu diesem Zeitpunkt im nationalsozialistischen Deutschland zwar unwohl, aber dennoch sicher gefühlt hat, unter anderem auch wegen seines Geldes, seines „arischen“ Aussehens und weil er als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front für Deutschland gekämpft hat. Als aber auch seine Wohnung von der SA verwüstet wird und er nur durch Zufall im letzten Moment entkommen kann, verliert er mit einem Schlag alle seine Hoffnungen: Sein Freund und Teilhaber, von dessen Parteizugehörigkeit er sich Schutz und Profit erhofft hat, drängt ihn aus seiner eigenen Firma, ein Fluchtversuch über die grüne Grenze nach Belgien scheitert kläglich und sein Schwager, bei dem Silbermanns Frau untergekommen ist, verweigert ihm jede Hilfe. Silbermann reist ziellos mit der Bahn durch Deutschland, immer in Bewegung, um nicht aufzufallen und als Jude erkannt zu werden. Er trifft in den Zugabteilen, auf den Bahnsteigen oder den Bahnhofrestaurants auf die unterschiedlichsten Menschen, auf Nazis und Flüchtlinge, Arbeiter und Soldaten, auf einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung. Ihre Gespräche repräsentieren die gesamte Bandbreite der schreckenerregenden Lebenswirklichkeit der damaligen Zeit. Innerhalb kürzester Zeit verliert Otto Silbermann „zuerst sein Hab und Gut, dann seine Würde und schließlich seinen Verstand“.

 

...Tragische Größe bekommt Silbermann, als er mit seiner Identität zu hadern beginnt. „Es sind zu viele Juden im Zug, dachte er. Ohne seine Leidensgenossen, überlegt er, würde er in Frieden gelassen. „Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.“ Es ist Silbermanns moralischer Höllensturz. Von da an rast er wie ein Meteorit auf seinen Untergang zu. Man könnte darin eine Rache des Autors an seiner Figur sehen, wenn Silbermanns Verhalten nicht so herzzerreißend alltäglich und nachvollziehbar wäre, so traurig und so wahr... (FAZ vom 13.2.2018)

Ulrich Alexander Boschwitz schrieb diesen Roman, der viele autobiographische Züge trägt, 1938 innerhalb von nur vier Wochen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nichts von der späteren systematischen Judenvernichtung der Nationalsozialisten wissen. Trotzdem nahm er in seinem Roman „Der Reisende“ viele Ereignisse vorweg.

Der Autor wurde am 19.4.1915 in Berlin geboren und emigrierte mit 20 Jahren zuerst nach Skandinavien, dann nach England, da sein Vater jüdischer Abstammung war. Wie viele Flüchtlinge wurde er kurz vor Kriegsbeginn interniert und nach Australien verschifft. Das Schiff, mit dem er 1942 nach Europa zurückgeholt wurde, wurde von einem deutschen U-Boot nördlich der Azoren torpediert und versenkt. Er starb mit nur 27 Jahren. Der vorliegende Text, sein zweiter Roman, wurde noch während des Zweiten Weltkriegs in England, Frankreich und den USA veröffentlicht, eine deutsche Ausgabe gibt es erst seit 2017. 

 

 

 

 

Ayọ̀ bámi Adébáyọ̀: „Bleib bei mir“ (2017)

(Standort: Onleihe: Belletristik/Unterhaltung)

  

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"Los, sag schon, Yejide, hast du Gott je auf einer Entbindungsstation gesehen? Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann und verdienst es nicht, eine Frau genannt zu werden."

 

Ayọ ̀bámi Adébáyọ̀‘s Debütroman beginnt in den späten 1980er Jahren in Nigeria, als das Land unter einer Reihe von Militärdiktaturen litt. Yejide, eine Studentin, lernt Akin kennen und kurze Zeit später heiraten die beiden, eine Liebesheirat. Das Ehepaar führt ein modernes Leben, beide sind beruflich und finanziell erfolgreich. Yejide betreibt einen eigenen Friseursalon, Akin ist Manager bei einer Bank. Sie sind glücklich miteinander und könnten sich im Prinzip auch ein Leben ohne Kinder vorstellen, wenn da nicht dieser enorme Druck der Familie und der Gesellschaft wäre, der wächst, als Yejide auch nach vier Jahren Ehe nicht schwanger geworden ist.

Doch im traditionellen Nigeria gibt es verschiedene Möglichkeit, derartige Probleme in den Griff zu bekommen. Yejides Schwiegermutter lässt nichts unversucht, ihren Sohn Akin von der Idee, sich eine Zweitfrau zu nehmen, zu überzeugen. Diesem widerstrebt zwar der Gedanke, doch im seinem inneren Kampf zwischen modernem Denken und seiner Liebe zu Yejide einerseits und Gehorsam gegenüber seiner Mutter und den Traditionen andererseits siegt der Gehorsam. Yejide wird vor vollendete Tatsachen gestellt und Fumni teilt fortan an einem Wochenende im Monat das Bett mit Akin. Aus Angst, ihren Mann an die Konkurrentin zu verlieren, steigert sie sich bis zur Besessenheit in ihren Kinderwunsch hinein.

 

"Als ich im elften Monat schwanger war, beschloss ich, den Berg der beispiellosen Wunder noch einmal aufzusuchen."

 

Endlich wird Yejide wirklich schwanger, rechtzeitig vor Akins Zweitfrau. Was aber der Anfang eines glücklichen Lebensabschnitts werden könnte, stellt sich als Beginn einer tragischen Entwicklung heraus, die die Familie letztendlich zerstört.

 

Die nigerianische Autorin Ayọ̀ bámi Adébáyọ̀, geboren 1988 in Lagos, lässt die dramatische Beziehungsgeschichte aus den wechselnden Perspektiven der betroffenen Partner erzählen. Einmal aus der Sicht Yejides, die allmählich ihr Selbstbewusstsein verliert, weil sie uralte Traditionen und irrationalen Aberglauben gegen sich hat. Am Ende bleiben ihr nichts als Demütigungen, Ausgrenzung, Einsamkeit und Selbstzweifel.

Auch Akin wird von den familiären und gesellschaftlichen Erwartungen, Kinder zu zeugen, erdrückt. Gerade er als erstgeborener Sohn steht unter hohem Erwartungsdruck. Seine Versuche, es allen Seiten recht zu machen, sind letztendlich die Ursache für die Tragödie, die über die Ehepartner hereinbricht.

 

 

Volker Kutscher: „Der nasse Fisch“, Gereon Rath Band 1 (2007)

(Standort: Bücherei: Romane Kut

Onleihe: Krimis)

 

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Berlin, Frühjahr 1929: Der 30jährige Kriminalkommissar Gereon Rath ist zwangsweise von Köln nach Berlin versetzt worden und fängt dort in der Inspektion E - „Sitte“ an. Als eines Tages im Landwehrkanal die Leiche eines ermordeten Russen gefunden wird, will er diesen Fall auf eigene Faust lösen, um in die Mordinspektion versetzt zu werden. Im Zuge seiner inoffiziellen Ermittlungen lässt er sich mit dem Chef des größten Ringvereins ein, eines der zahlreichen Berliner Verbrechersyndikate, eine fatale Entscheidung, die für ihn bis zum Ende der Serie weitreichende Folgen haben wird.

 

Kutschers Romane spielen in Berlin am Ende der Weimarer Republik, als Deutschland unter den Folgen des verlorenen Ersten Weltkriegs, den aufkommenden Nationalsozialisten und den inneren Unruhen als Konsequenz der instabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen leidet. Viele Personen und Ereignisse sind historische Tatsachen, in die die einzelnen Kriminalfälle geschickt eingebaut werden. Gerade der reale historische Hintergrund und die Atmosphäre im Berlin der ausgehenden 20er und beginnenden 30er Jahre sind das Faszinierende an dieser Serie, der Kriminalfall tritt dabei eher zurück.

Mit Gereon Rath als Protagonisten ist dem Autor eine Persönlichkeit voller Widersprüche und Fehler gelungen, politisch eher passiv-abwartend und dem Leser nicht immer unbedingt sympathisch, trotzdem aber stimmig und überzeugend bis zum Schluss.

Jeder Band der Serie spielt im jeweils darauf folgenden Jahr, beginnend 1929, und der Leser kann sowohl Raths berufliches und privates Leben bis 1935 mitverfolgen, als auch an der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der rasanten Entwicklung Deutschlands hin zum Dritte Reich unmittelbar teilnehmen. Volker Kutscher sagte zu seiner Gereon-Rath-Serie in einem Interview: „Es geht darum zu zeigen, dass die Menschen damals nicht wussten, dass sie aufs Dritte Reich zusteuerten. Dass es sehr schnell gehen kann, dass eine Demokratie vor die Hunde geht. Die Gefahren aufzuzeigen, liegt mir sehr am Herzen...“

 

Der erste Band der Serie wurde unter dem Titel „Babylon Berlin“ in zwölf Episoden von Regisseur Tom Tykwer verfilmt und 2018 gesendet, eine weitere Staffel soll im Herbst 2020 ausgestrahlt werden. Meiner Meinung nach ist auch die Verfilmung ganz großartig gelungen, da sie das Lebensgefühl der Menschen und die Atmosphäre in dieser Zeit des Umbruchs auf ganz beeindruckende Weise einfängt.

 

Die weiteren Bände sind sowohl in der Onleihe (Band 1-6, zum Teil auch als eAudio), als auch in der Bücherei (Band 1-7) verfügbar:

„Der stumme Tod“, „Goldstein“, „Die Akte Vaterland“, „Märzgefallene“, „Lunapark“, „Marlow“.

 

 

Stephen Hawking: „Kurze Antworten auf große Fragen“ (2018)

(Standort: Onleihe: Sachmedien, Physik/Astronomie)

 

 

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Stephen Hawking (1942 – 2018) ist wohl einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler unserer Zeit. Trotz seiner ALS-Erkrankung, die bei ihm bereits im Alter von 20 Jahren diagnostiziert wurde, ist er 76 Jahre alt geworden und hat als Astrophysiker Hervorragendes geleistet und dabei viele Erkenntnisse so formuliert, dass es auch für den interessierten Laien verständlich war. „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wurde sogar ein Bestseller. Er lehrte von 1979 bis 2009 als Professor für Angewandte Mathematik und Theoretische Physik an der University of Cambridge.

Am 15.6. 2018 begleitete ein gewaltiger Trauerzug seinen Sarg nach Westminster Abbey, wo seine Urne zwischen den Gräbern von Isaak Newton und Charles Darwin beigesetzt wurde.

 

Sozusagen als Vermächtnis hat er bis unmittelbar vor seinem Tod als Zusammenfassung seines enormen Schaffens „Kurze Antworten auf große Fragen“ geschrieben. Freunde und Familienmitglieder haben es aus seinem Archiv heraus vollendet und unmittelbar nach seinem Tod herausgegeben und kommentiert. Stephen Hawking hat darin den Versuch unternommen, nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu zehn bedeutenden Fragen der Gegenwart Antworten zu geben. Mit großer Leidenschaft ruft er die Menschen dazu auf, Vernunft walten zu lassen und nicht unkritisch irgendwelchen Behauptungen und „Fake News“ zu folgen. Besonders wünscht er sich eine den Naturwissenschaften zugewandte Jugend, die die großen Fragen und Probleme unserer Zeit weiterhin mit Leidenschaft erforscht:

 

„Der menschliche Geist ist ein ganz unglaubliches Phänomen. Er kann sich die Grandiosität der Himmelssphären und die undurchschaubaren Feinheiten der Grundbestandteile der Materie vorstellen. Damit der Geist sein volles Potential erreicht, ist allerdings ein Funke erforderlich: der Funke der Wissbegierde und des Staunens.

Dieser Funke springt häufig von einem Lehrer über. Lassen Sie mich das erklären. Ich war nicht der angenehmste Schüler – lernte nur langsam lesen, und meine Handschrift war krakelig. Als ich 14 Jahre alt war, zeigte mir mein Lehrer Dikran Tahta in meiner Schule in Saint Albans, wie ich meine Energie bündeln konnte, und brachte mich dazu, Mathematik als ein kreatives Feld anzusehen. Er öffnete mir die Augen für Mathematik als Blaupause des gesamten Universums. Wenn Sie nach den Ursprüngen einer außerordentlichen Persönlichkeit fragen, werden Sie immer auf einen außerordentlichen Lehrer stoßen. Wenn wir darüber nachdenken, was wir im Leben tun können, dann tun wir das mit größter Wahrscheinlichkeit, weil ein Lehrer uns dazu motiviert hat.“

 

 

 

Shawn Vestal: Loretta (2017)

(Standort: Romane: Ves)

 

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Leider schreckt dieses Buch durch sein hässliches Cover auf den ersten Blick erst einmal ab. Auf den zweiten Blick erkennt man dann, was darauf abgebildet ist: eine junge Frau, die aus einem Fenster in eine trostlose Landschaft schaut. Das passt dann doch wieder ganz gut zum Inhalt.

 

Loretta, ein junges, 15jähriges Mädchen, wächst in den USA der 1970er Jahre als jüngstes Kind in einer Mormonenfamilie auf. Um dem strengen Vater zu entkommen, klettert sie heimlich nachts aus dem Fenster, um mit anderen Jugendlichen das Leben zu genießen inklusive Zigaretten, Alkohol und ersten sexuellen Erfahrungen.

Als die Eltern davon erfahren, verheiraten sie die Tochter mit dem viel älteren Dean, der schon eine Frau und mehrere Kinder hat. Loretta wird seine Zweitfrau unter der Bedingung, dass er die Ehe erst an ihrem 16. Geburtstag vollziehen darf. Ruth, Deans Erstfrau, sieht in Loretta eine weitere Prüfung Gottes, die sie akzeptieren und ertragen muss um ein gottgefälliges Leben zu führen.

Loretta ist ein junges, hübsches, intelligentes Mädchen und so bleibt es nicht aus, dass sich nicht nur ihr Ehemann Dean, sondern auch Bradshaw, ein Arbeiter aus dem Dorf und der gleichaltrige Mormonenjunge Jason für sie interessieren. Loretta dagegen träumt von einem selbstbestimmten Leben außerhalb der engen Grenzen der Mormonen-Gemeinde, ein Leben, wie sie es in der Reklame am Straßenrand ständig zu sehen bekommt. Symbol dafür ist für sie ein roter Lippenstift, den sie sich als erstes kaufen möchte, wenn sie frei ist.

Eines Tages nutzt sie die Gunst der Stunde und flieht mit Jason und dessen Freund Boyd.

 

„Sie will mit ihm abhauen, will in ihre Zukunft fliegen, hat jedoch das Gefühl, dass sie dabei sehr umsichtig und präzise vorgehen muss, weil sie diese Zukunft sonst verpasst. Für Loretta ist sie ein konkreter Ort, ein Ziel, das sie entweder erreichen oder verfehlen kann. Es wartet irgendwo dort draußen auf sie, weit weg von allem, was hier ihr Leben ausmacht. Weit weg von den langen Baumwollkleidern. Von den langweiligen Tagen in der Kirchenschule, wo sie dieselben Bibelstellen studieren, über denen sie auch sonntags den ganzen Tag brüten. Von der strikten und dennoch halbherzigen Rechtschaffenheit ihres Vaters und der ständigen Fügsamkeit ihrer Mutter. Und vor allem weit weg von der drohend näher rückenden Realität, über die niemand je ein Wort sagt : Sie ist fünfzehn, sie ist heiratsfähig, sie ist nun eine Möglichkeit für ihren Vater, seine eigene Rechtschaffenheit weiter voranzutreiben.“

 

„Loretta“ hat mich an „Die Hochzeit der Chani Kaufmann“ erinnert. Wieder geht es um die in sich abgeschlossene Welt einer religiösen Gruppe, in die man als Außenstehender kaum Einblicke bekommt. Das hat mich an diesem Buch am meisten fasziniert, aber auch erschreckt: dass in den USA heute noch Gemeinschaften streng gläubiger Mormonen existieren, die immer noch die Vielehe praktizieren.

 

Shawn Vestal wurde 1966 in Gooding, Idaho, als Kind einer Mormonenfamilie geboren, verließ aber als Erwachsener die Gemeinde. Er ist heute Reporter und Kolumnist. 

 

 

 

 

 Isabel Allende: „Ein unvergänglicher Sommer“ (2018)

(Standort: Bücherei: Romane All

Onleihe: eBook/eAudio: Liebe/Beziehung)

 

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Um es gleich vorweg zu nehmen: der neueste Roman von Isabel Allende spielt nicht, wie man dem Titel nach vermuten könnte, im Sommer, sondern während eines katastrophalen Schneesturms in New York. Der Titel bezieht sich vielmehr auf ein Zitat von Camus: „Mitten im Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unvergänglicher Sommer ist.“

 

Drei Menschen, alle aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht, treffen in Brooklyn mehr oder weniger zufällig aufeinander. Die 62jährige Lucia kommt ursprünglich aus Chile und war auf der Fluch vor dem Pinochet-Regime. Ihr Vermieter, der 60jährige, menschenscheue Richard kämpft gegen Fehler und Schuld aus seiner eigenen Vergangenheit. Evelyn, geflohen aus einem kleinen Dorf in Guatemala, arbeitet illegal in den USA als Kindermädchen für eine amerikanische Familie mit einem schwerbehinderten Sohn.

 

Bei eisglatter Straße rutscht Richard mit seinem Auto in den Wagen des Kindermädchens, den Evelyn ohne Wissen ihres Arbeitgebers ausgeliehen hat. Dieser an sich banale Vorfall ist der Beginn einer skurrilen Schicksalsgemeinschaft.

Die Geschichte, die Isabel Allende nun entwickelt, ist komisch und unterhaltsam und wäre fast nur ein banaler Liebesroman, wie es viele gibt, wenn sie nicht in Rückblicken die unterschiedlichen Schicksale dieser drei Menschen erzählen würde. Es gibt viele Gründe, warum Menschen auf der Flucht vor sich selbst oder den äußeren Umständen sind und die chilenische Autorin weiß aus eigener Erfahrung ganz genau, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren und sich als Migrantin aus Südamerika in den USA ein neues Leben aufbauen zu müssen. Deshalb, und weil das Thema zur Zeit wieder ganz aktuell ist, ist der Roman doch so tiefgründig und bewegend.

 

Fazit: „Eine bittersüße, sehr aktuelle Geschichte, traurig und oft komisch zugleich.“ (Brigitte 21/2018)

 

Isabel Allende wurde 1942 in Lima, Peru, geboren. Seit 1966 lebte sie mit Ehemann und Tochter Paula in Santiago de Chile, wo sie als engagierte Journalistin arbeitete. Ihr Vater ist ein Cousin von Salvador Allende (1908-1973), der 1970 Präsident von Chile wurde. Bei dem von den USA unterstützten Militärputsch 1973 nahm er sich das Leben. Augusto Pinochet riss die Macht an sich und errichtete anschließend eine grausame Diktatur. Zwei Jahre nach dem Putsch ging Isabel Allende nach Venezuela ins Exil. Seit 1988 lebt sie in den USA und hat mittlerweile auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1992 starb ihre Tochter Paula in Madrid im Alter von 29 Jahren. 

 

 

Februar 2019: Margaret Frazer: „Die Novizin. Mord im Jahr des Herrn 1431“ (1993)

                             „Die Magd. Mord im Jahr des Herrn 1433“

                             „Der Bischof. Mord im Jahr des Herrn 1434“

                             „Der Vogelfreie. Mord im Jahr des Herrn 1434“

                             „Die Knaben. Mord im Jahr des Herrn 1436“

                             „Der Dämon. Mord im Jahr des Herrn 1437“

                             „Die Priorin. Mord im Jahr des Herrn 1439“

                             „Die Dame. Mord im Jahr des Herrn 1439“

                             (Standort: Onleihe: Romane/historische Krimis)

 

 

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Seit Herbst 2018 gibt es in der Onleihe die gesamte Reihe der amerikanischen Autorin Margaret Frazer um „Schwester Frevisse“, bzw. alle acht Bände, die bisher ins Deutsche übersetzt worden sind.

Schwester Frevisse, eine kluge und selbstbewusste Frau, ist Nonne im Benediktinerkloster St. Frideswide in England im ausgehenden Mittelalter. Die Epoche des 100jährigen Kriegs mit Frankreich und der daraus resultierende Kampf des Hauses Lancaster gegen York um die Vorherrschaft in England war für die damalige Bevölkerung eine Zeit großer Unsicherheit, Gewalt und Armut. In dieser Umbruchsphase der europäischen Geschichte spielen die Frevisse-Romane von Margaret Frazer. Viele geschichtlich belegte Persönlichkeiten werden in die Romane eingebaut und auch der historische Kontext in die Geschehnisse mit einbezogen. Dadurch vermitteln die Krimis ein lebendiges Bild vom Leben der Menschen zu dieser Zeit.

Jeder Band ist ein in sich abgeschlossener Kriminalfall, den Schwester Frevisse am Ende natürlich löst, aus Liebe zur Gerechtigkeit und um Schaden vom Kloster abzuwenden. Allerdings ist es sinnvoll (aber nicht unbedingt notwendig), die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Geschichten im Kloster aufeinander aufbauen und in späteren Krimis gelegentlich Bezug auf frühere Ereignisse und Beziehungen genommen wird.

Margaret Frazers Romane lesen sich leicht und flüssig, sind sehr unterhaltsam und nicht weitschweifig. Eine unkomplizierte Feierabendlektüre für alle, die historische Romane und Krimis mögen, die ohne großes Blutvergießen unterhalten werden wollen und trotzdem Wert auf einen gut recherchierten Hintergrund legen.

 

 

Januar 2019: Donatella di Pietrantonio: „Arminuta“ (2018)

(Standort: Onleihe)

Bildquelle: buchhandel.de 

 

„Als Dreizehnjährige kannte ich meine andere Mutter nicht mehr.

Mit einem klobigen Koffer und einer Tasche voller durcheinandergeworfener Schuhe stieg ich mühsam die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Oben angekommen, empfingen mich der Geruch nach Frittiertem und eine Erwartung. Die Tür wollte nicht aufgehen, jemand rüttelte wortlos von innen daran und hantierte am Schloss. Ich beobachtete eine Spinne, die am Ende ihres Fadens hängend im Leeren zappelte.

Nach dem metallischen Klick erschien ein kleines Mädchen mit gelockerten, schon einige Tage alten Zöpfen. Sie war meine Schwester, aber ich hatte sie noch nie gesehen. Sie riss die Tür auf, um mich eintreten zu lassen, und starrte mich mit stechenden Augen an. Damals ähnelten wir uns, mehr als später als Erwachsene.“

 

So beginnt der Roman der italienischen Schriftstellerin Donatella di Pietrantonio.

Das Wort „arminuta“ stammt aus einem Dialekt der Abruzzen und heißt auf deutsch „die Zurückgekommene“. In der Erzählung wird ein 13jähriges Mädchen so genannt, das eines Tages aus ihr unerfindlichen Gründen von ihrem Pflegevater zu einer wildfremden Familie gebracht wird. Sie erfährt, dass sie fortan in dieser Familie, bei ihren leiblichen Eltern leben muss, die sie kurz nach ihrer Geburt abgegeben hatten. Bisher als behütetes Einzelkind einer Mittelschicht-Familie mit einem Haus am Meer und Ballettunterricht aufgewachsen, wird sie nun in einen ärmlichen Dorfhaushalt mit fünf Geschwistern und einer völlig überforderten und desinteressierten Mutter geworfen. Sie erfährt anfangs weder, warum sie damals abgegeben wurde, noch, warum ihre Pflegeeltern sie jetzt nicht mehr wollen. Für ihre leiblichen Eltern bedeutet sie nur ein Problem mehr, für ihre Geschwister ein zusätzlicher Konkurrent ums knappe Essen. Allmählich baut Arminuta aber ein engeres, freundschaftliches Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester auf, die ihr hilft in der neuen Familie so weit wie möglich Fuß zu fassen.

 

Auf der einen Seite wird in diesem Roman das Leben in einem italienischen Bergdorf der 1970er Jahre beschrieben, geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit und Aberglauben. Bis in die 1980er Jahre kam es in Italien durchaus nicht selten vor, dass arme, kinderreiche Familien eines ihrer Kinder an ein reiches kinderloses Paar abgegeben haben, für Geld oder die Chance eines ihrer Kinder auf gesellschaftlichen Aufstieg. Erst 1983 wurde diese Praxis durch strengere Adoptionsgesetze gestoppt.

Auf der anderen Seite werden zwei extreme Familienkonstellationen nebeneinander gestellt, die in jeder Gesellschaft auch heute noch prinzipiell so existieren. Das Thema ist also sicherlich auch ein ganz aktuelles.

Leider bleiben die Figuren für den Leser etwas distanziert, trotz aller Dramatik des Geschehens, was vielleicht auch daran liegen mag, dass Arminuta nie bei ihrem richtigen Namen genannt wird und die Erzählung mit 224 Seiten relativ kurz ist. Dennoch ist es ein Buch, das leicht zu lesen ist und trotzdem betroffen macht.

 

 

 

 

 

 

Dezember 2018: Harald Meller, Kai Michel:

„Die Himmelsscheibe von Nebra.

Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“ (2018)

(Standort: Onleihe, Sachmedien, Geschichte Europas)

 

 

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Seit kurzem steht in der Onleihe das Buch: „Die Himmelsscheibe von Nebra“ zur Verfügung, geschrieben von Prof. Dr. Harald Meller, dem Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle a.d.Saale, in dem die Himmelsscheibe seit ihrer Wiederentdeckung ausgestellt ist.

Das Buch beschreibt im ersten Teil die Entdeckung der Scheibe im Jahr 1999 durch Raubgräber und ihren abenteuerlichen Weg über verschiedene Zwischenhändler, bis sie vom Autor für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit gerettet werden konnte. Der zweite Teil befasst sich mit verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des dargestellten Sternenhimmels und die Einbindung in den historischen Kontext. Am Ende lässt Meller seiner Fantasie freien Lauf und entwickelt eine kurze fiktive Geschichte, wie das Schicksal des letzten Besitzers der Scheibe verlaufen sein könnte und warum sie letztendlich auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt vergraben wurde. Ergänzt wird das Buch im Anschluss durch zahlreiche interessante Abbildungen.

 

Harald Meller und der Wissenschaftsjournalist Kai Michel entwerfen rund um die 3600 Jahre alte Himmelsscheibe ein Bild jener untergegangenen Epoche und Kultur mitten in Europa, von der wir bis dahin wenig wussten und die wohl alle in ihren Leistungen und Errungenschaften unterschätzt hatten. Im Gegensatz zur ägyptischen und mesopotamischen Hochkultur war lange Zeit den meisten völlig unbekannt, dass es in der Bronzezeit in Mitteldeutschland ein hochorganisiertes Königreich gegeben haben muss, das Handelsbeziehungen in ganz Europa von England bis in den Orient hatte. „Die Herrscher der Himmelsscheibe ließen sich unter gewaltigen Grabhügeln beisetzen, ihre Macht beruhte auf exklusivem Wissen, Armeen sicherten den Menschen ein friedliches Leben. Die Himmelsscheibe selbst liefert Einblicke in eine verschollene Welt, in der nicht zuletzt auch die Grundlagen unserer eigenen Welt gelegt wurden.“ Die Himmelsscheibe sei nicht nur der wichtigste archäologische Fund im deutschsprachigen Raum der letzten 100 Jahre, die Entschlüsselung ihrer Symbolik dokumentiere zugleich eine Sternstunde der Astronomie, so Meller und Michel. „Das Gold der Scheibe stammt aus England, das Kupfer aus den Alpen, die Technik zu ihrer Herstellung aus Mykene und das ihr zugrunde liegenden Wissen aus dem Orient. Damit ist die Himmelsscheibe das Produkt einer bereits damals verblüffend globalisierten Welt.“

 

Passend zu diesem Buch findet noch bis zum 6. Januar 2019 in Berlin im Gropius-Bau die absolut sehenswerte Ausstellung „Bewegte Zeiten“ statt, die sich mit herausragenden archäologischen Funden aus allen Bundesländern Deutschlands beschäftigt und diese in die vier Themenbereiche „Austausch“, „Innovation“, „Konflikte“ und „Mobilität“ gliedert. An zentraler Stelle des Moduls „Innovation“ wird dabei die Himmelsscheibe von Nebra präsentiert (zur Zeit nur noch eine Kopie, das Original ist wieder in Halle). Leider gibt es hierzu in der Ausstellung nur wenige und oberflächliche Erklärungen, es lohnt sich also, vorher das Buch zu lesen

 

 

 

 

 

November 2018: Kent Haruf: Lied der Weite (1999)

Standort: (Bücherei: Romane Har)

 

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Kent Harufs dritter Roman erschien in den USA bereits 1999 und wurde 2018 in Deutschland unter dem Titel „Lied der Weite“ neu verlegt.

Alle Romane des US-amerikanischen Autors, der 2014 gestorben ist, spielen in Holt, einer fiktiven Kleinstadt in Colorado. Der Autor erzählt in „Lied der Weite“ vom Leben und Alltag einzelner Bewohner dieser Gegend, indem er in kurzen Episoden die Situation aus ihrer Sicht schildert. Dadurch erfährt der Leser im Lauf der Erzählung, wie die Schicksale am Ende miteinander verwoben sind.

Da ist einmal Tom Guthrie und seine Frau Ella, die einen Nervenzusammenbruch erlitten hat und sich immer weiter von ihrem Mann, einem Pferdezüchter und Lehrer an der örtlichen Schule, distanziert, bis sie schließlich die Familie verlässt und auszieht. Die beiden Söhne Bobby und Ike, zehn und neun Jahre alt, klammern sich, von ihren Eltern vernachlässigt, aneinander und werden unzertrennlich. Gemeinsam erkunden sie ihre Umgebung und besuchen regelmäßig die alte, kranke und etwas unheimliche Mrs Stearn.

Dann gibt es noch Victoria Robideaux, eine 17-jährige Schülerin, die von ihrer Mutter verstoßen wird, als diese erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. Victoria schlüpft schließlich bei ihrer Lehrerin Maggie Jones unter. Diese ist weit mehr als nur eine Kollegin von Tom Guthrie, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt. Doch ihr dementer Vater, den sie pflegt, kommt mit dem neuen Hausgast überhaupt nicht zurecht, und so beschließt Maggie, die werdende Mutter bei den alten Junggesellen Harold und Raymond McPheron unterzubringen. Die beiden wortkargen Brüder leben als Viehzüchter auf einer Farm außerhalb von Holt und sind von der Aufgabe, eine junge schwangere Frau aufzunehmen, naturgemäß erst einmal überfordert.

Sie und ihr Bruder wollen doch das Mädchen da draußen bei sich behalten, oder?

 

Ja, natürlich, sagte er. Warum fragen Sie?

 

Weil Sie sicher finden, dass es irgendwie nett ist, ein Mädchen im Haus zu haben. Sie haben sich ein bisschen daran gewöhnt, dass sie bei Ihnen ist, stimmt‘s?

 

Was haben wir falsch gemacht?, fragte er.

 

Sie reden nicht mit ihr, sagte Maggie Jones. Sie und Raymond reden nicht, wie sie mit dem Mädchen reden sollten. Wir Frauen unterhalten uns gern am Abend. Wir glauben nicht, dass das zu viel verlangt ist. Wir lassen uns ja einiges von euch Männern gefallen, aber am Abend wollen wir ein bisschen Ansprache haben. Wir wollen uns zu Hause mit jemandem unterhalten können.

 

Und worüber?, fragte Harold.

 

Ganz gleich. Was Ihnen so einfällt.

 

Jetzt schlägt‘s aber dreizehn, Maggie, sagte Harold. Sie wissen doch, dass ich nicht weiß, wie man sich mit Frauen unterhält. Das haben Sie schon gewusst, bevor Sie sie zu uns gebracht haben. Und Raymond, der hat da auch keine Ahnung. Wir beide nicht. Schon gar nicht bei so einem jungen Mädchen.

 

Deswegen sag ich‘s Ihnen ja, sagte Maggie. Es wird Zeit, dass Sie‘s lernen.

 

Aber um Himmels willen, worüber sollen wir den mit ihr reden?

 

Da wir Ihnen schon was einfallen.

 

Kent Haruf erzählt von seinem Land und den Leuten, die in der Weite der amerikanischen Südstaaten leben. Wie verschiedene Stimmen in einem Lied (das Original heißt „plainsong“, „Choral“) finden die Personen im Lauf der Handlung zueinander und am Ende entstehen Bindungen untereinander, die das Schicksal des einzelnen auffangen und gemeinsam ertragen lassen.

„Lied der Weite“ ist ein schönes, gelegentlich auch lustiges Buch mit einer herrlichen Sprache, ein Buch, das gute Laune in ein verregnetes Wochenende bringt. Auch das Cover der neuen Diogenes-Ausgabe möchte ich hier erwähnen. Es zeigt das Bild „Golden Farmhouse“ von Donna Walker (2011), ein Bild, das meiner Meinung nach hervorragend zu diesem Buch passt.

In der Onleihe ist außerdem das letzte Werk von Kent Haruf verfügbar, „Unsere Seelen bei Nacht“ (2015), ein Roman, der 2017 mit Robert Redford und Jane Fonda in den Hauptrollen verfilmt wurde und genauso lesenswert ist.

 

 

 

 

 

Oktober 2018: Eve Harris: „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ (2015)

(Standort: Bücherei: Romane Har)

 

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Der Titel klingt ein wenig nach Kitsch oder historischem Roman, doch der Inhalt hat trotz „Hochzeit“ erstaunlich wenig mit einer Liebesgeschichte zu tun.

Die Handlung des Romans spielt 2008 im jüdisch-orthodoxem Milieu in London, im Stadtteil Golders Green. Er beschreibt eine Welt, die den meisten von uns völlig unbekannt sein dürfte, aber trotzdem fasziniert, weil sie so weit von unserer Lebensrealität entfernt ist.

Die 19jährige Chani Kaufmann ist eine von acht Töchtern einer armen, jüdisch-orthodoxen Familie. Ihr Lebensziel ist es, genauso wie für alle jungen Frauen in ihrem Umfeld, möglichst schnell zu heiraten. Sie lebt gerne in ihrer Welt, genießt manchmal aber auch verbotene Ausflüge jenseits ihres Viertels, sie stellt neugierige Fragen und sucht nach Informationen, die ihr Schule und Elternhaus verweigern: Was genau passiert in der Hochzeitsnacht? Wie funktioniert Verhütung?

Baruch, ein 20jähriger junger Mann, sieht Chani auf einer Feier, obwohl Frauen und Männer getrennt feiern und üblicherweise die Mütter die zukünftigen Partner aussuchen. Chani gefällt ihm und er möchte sie gerne wiedersehen. Da sie aber nicht standesgemäß für Baruch ist, muss er einige Widerstände in der eigenen Familie überwinden um sie wenigstens treffen zu dürfen.

Chani nimmt vor ihrer Hochzeit Unterricht bei der Frau des Rabbiners, Rivka, die sie über ihre ehelichen Pflichten aufklären soll. In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte dieser ungewöhnlichen Frau erzählt: Aus einer relativ säkularen jüdischen Familie stammend geht sie in den 1980er Jahren von England aus zum Studieren nach Jerusalem, wo sie ihren späteren Mann Chaim kennenlernt. Chaim ist ebenfalls ein säkularer Jude, doch gemeinsam entdeckt das Paar mehr und mehr die Faszination tiefer orthodoxer Frömmigkeit. Chaim entscheidet sich sogar, Rabbi zu werden. Später kehrt das Paar nach England zurück und sie bekommen drei Kinder. Nach mehreren Schicksalsschlägen beginnt Rivka allerdings immer mehr an ihrer damaligen Entscheidung zu zweifeln.

„Während der vergangenen Wochen waren ihre Gedanken wie Bussarde gekreist, und nun zwang sie sich dazu, ihnen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Sie lebte ein Doppelleben. Es gab die Oberfläche, an der sie all die Dinge tat und sagte, die von ihr erwartet wurden Doch darunter tobte ein Tumult, den sie nicht länger ignorieren konnte.“

Dieses Buch ist meiner Meinung nach eher ein Buch für Frauen, obwohl man auch Baruch und seine Ängste vor der unbekannten Welt der Frauen kennen lernt. Es vermittelt einerseits Einblicke in eine völlig andere Kultur und Lebensweise, auf eine Art, die weder verurteilt noch beschönigt. Andererseits geht es um freie Selbstbestimmung, Partnerschaft und Liebe, grundlegende Dinge, die in jeder Gesellschaft wichtige Themen sind, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit.

Die Hochzeit der Chani Kaufman ist der erste Roman von Eve Harris, einer säkularen Jüdin, die mehrere Jahre als Lehrerin an einer jüdisch-orthodoxen Mädchenschule in London gearbeitet hat. 

 

 

 

September 2018: Jan Weiler: „Kühn hat zu tun“ (2016)

(Standort: Bücherei: Romane Wei Onleihe: Hörbuch)

 

 

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Jan Weiler kennt man vor allem wegen seiner Familiengeschichte: „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“, die schon mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt wurde und seiner unterhaltsamen Serie über „Das Pubertier“. Mit Kommissar Kühn hat Jan Weiler zum ersten Mal einen Krimi verfasst, der aber seiner Meinung nach kein Krimi sein soll, sondern ein Gesellschaftsroman.

Tatsächlich gibt es in diesem Roman einen Toten, eine Kindesentführung, einen Mörder und einen Polizisten, der all diese Fälle aufklärt. Eigentlich geht es aber um Martin Kühn, 44 Jahre alt, einen sympathischen Durchschnittsfamilienvater mit durchschnittlichem Gehalt, einem pubertierenden Sohn, einer kleinen Tochter, die unbedingt ein Pferd haben will, einem hypotheken- und giftbelasteten Reihenhaus in einer Münchner Vorortsiedlung und fehlender Perspektive in der Arbeit, der viel zu tun hat um sein Leben in den Griff zu bekommen.

 

Sein Chef sagt über ihn: „Sie verkörpern gewissermaßen diese Gesellschaft, diesen Bodensatz, nach dem wir immer suchen. Sie sind ein ehemaliger Streifenbeamter mit Realschulabschluss. Jetzt mal lustig: Sie können Yin und Yang nicht von Ernie und Bert unterscheiden. Sie leben mit Ihrer Familie in einem kleinen Häuschen, das Sie mit Beamtenkredit abstottern. Willkommen in der Welt der Jinglers-Jeans und des Nutoka-Brotaufstrichs, der Elektro-Rasenmäher und der Ratenzahlung für Couchgarnituren! Und wissen Sie was? Ich mag das. Ich finde das wahnsinnig sympathisch. Ich mag Ihre Welt. Ich mag Sie beide. Und ich bin überzeugt, dass Sie Erfolg haben werden, wenn Sie auf die völlig unakademische Art eines kriminalistischen Diplodokus dort ermitteln.“

 

„Kühn hat zu tun“ ist ein ruhiger Roman ohne action, eine wunderbare Urlaubslektüre oder ein Buch für den verregneten Sonntagnachmittag. Man erkennt Kühn mit seinen banalen oder auch weniger banalen Alltagssorgen im eigenen Leben mehr oder weniger wieder und möchte wissen, wie sich diese Probleme zumindest im Roman lösen lassen. Der Kriminalfall gerät dabei fast in den Hintergrund und der Täter, wenn auch nicht das Motiv, sind dem Leser schon bald bekannt. Trotzdem möchte man, wie bei einer netten Unterhaltung mit dem Nachbarn über den Gartenzaun, wissen, wie es im Leben von Kühn weitergeht.

 

Ich bin schon auf den zweiten Band um Martin Kühn gespannt: „Kühn hat Ärger“. Auch dieses Buch ist neben einigen weiteren Bänden des Autors in der Bücherei vorhanden. Laut Internet wurde „Kühn hat zu tun“ für den WDR verfilmt und soll 2019 im Fernsehen ausgestrahlt werden.

 

  

 

 

 

August 2018: Celeste Ng: „Kleine Feuer überall“ (2018) 

(Standort: Onleihe: Erzählungen/Gesellschaft, als eBook und Hörbuch Bücherei: Romane Ng)

 

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Die Handlung von Celeste Ng‘s neuem Roman ist eigentlich recht schnell erzählt: In dem amerikanischen Vorort Shaker Heights (Ohio) brennt das Haus der Familie Richardson. Dass es Brandstiftung ist, wird schnell klar und auch, dass als Täter nur die 15jährige Tochter der Familie in Frage kommt. Im Rückblick erfährt der Leser dann, wie es zu dieser Tat kommen konnte.

 

Shaker Heights ist eine künstlich errichtete amerikanische Siedlung nach dem Motto:

„Die meisten Gemeinden entstehen einfach; die besten sind geplant. Dahinter stand die Überzeugung, dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte.“

 

Die Richardsons sind eine weiße, gutsituierte  Mittelschichtfamilie, Vater, Mutter und vier Kinder im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, die hervorragend in Shaker Heights integriert ist. Der Vater taucht im Roman eher am Rande auf, die zentrale Figur der Familie ist die Mutter, Elena Richardson, die ihr Leben und das ihrer Familie genauestens durchgeplant und organisiert hat.

 

„Sie war mit Regeln aufgewachsen und überzeugt, dass die Welt nur richtig funktionierte, wenn man diese Regeln befolgte. Seit ihrer Jugend hatte sie einen Plan gehabt und ihn minutiös eingehalten: Schule, Studium, Freund, Heirat, Job, Hypothek, Kinder. Eine Limousine mit Airbags und automatischen Sicherheitsgurten. Ein Rasenmäher und eine Schneefräse. Wachmaschine und Trockner. Sie hatte, kurz gefasst, alles richtig gemacht und sich ein gutes Lebe aufgebaut, ein Leben , wie sie es sich wünschte, wie alle es sich wünschten.... Ihr ganzes Leben lang hatte sie gelernt, dass Leidenschaft, genau wie Feuer, gefährlich war, leicht außer Kontrolle geriet, Wände hochkletterte und Gräben übersprang.“

 

Bis auf Izzy, der rebellischen jüngsten Tochter, fügen sich alle Familienmitglieder den Ansprüchen der Mutter widerspruchslos. Kritisch wird es erst, als Elena eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter als Mieterin und Angestellte in ihr Haus aufnimmt. Die Kinder freunden sich an und kommen nun in Kontakt mit dem jeweils völlig anderen Lebensentwurf. Dies stürzt Elenas bis dahin so geordnetes (scheinbares) Familienidyll in unkontrollierbares Chaos.

 

Dieser Roman ist wie Ng‘s erster Roman „Was ich euch nicht erzählte“ eine Familiengeschichte. Es geht vor allem um die Beziehung zwischen Müttern und ihren Kindern, um Erziehung, um das, was man seinen Kindern im Leben mitgeben möchte und was man sich für ihre Zukunft erhofft. Darüber hinaus stellt er aber auch (in einer eingeflochtenen Adoptionsgeschichte) die grundsätzliche Frage, was eigentlich „Mutter sein“ ausmacht. Dabei beleuchtet die Autorin jeden einzelnen Charakter genau, zeigt seine Stärken und Schwächen, seine Stellung im familiären und sozialen Geflecht und entwickelt daraus den Handlungsstrang, der letztendlich zum Auseinanderbrechen der Familie führt.

 

 

Während in „Kleine Feuer überall“ die Geschichte eher ruhig erzählt wird, ist das erste Werk von Celeste Ng, „Was ich euch nicht erzählte“ (2016), insgesamt dramatischer und aufwühlender. Ich fand es sogar noch etwas spannender und auch unbedingt lesenswert.

 

 

 

Juli 2018: Therese Bichsel: Überleben am Red River (2018) 

(Standort: onleihe: Romane/Historisches)

 

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Angelockt von den Beschreibungen eines Schweizer Patriziers, der unter falschen Versprechungen Kolonisten anwirbt um von deren Bezahlung seine Schulden zu tilgen, und gezwungen durch die Hungerjahre 1816/17 wandern 1821 rund 170 Menschen aus der Gegend um Bern nach Kanada ins heutige Winnipeg aus. Die hoffnungsvoll begonnene Reise in ein neues Leben entwickelt sich bald zum lebensgefährlichen Alptraum. Als die Auswanderer, unter ihnen zahlreiche Kinder, nach einer stürmischen Überfahrt spät im Herbst ihr Ziel am Roten Fluss erreichen, erwartet sie Hunger und eisige Kälte. Weder stehen die versprochenen Vorräte zur Verfügung noch die Häuser, in denen sie ihren ersten Winter überstehen könnten. Gerade die Frauen, die in dieser Männergesellschaft keine Rechte haben, trifft es besonders hart. Einige werden gleich nach der Ankunft mit Soldaten zwangsverheiratet, um das Überleben ihrer Familie zu sichern:

 

Der Schmerz zeigt ihr, dass alles wirklich ist, dass sie sich nichts einbildet. Es geschieht, was geschieht. Das Schicksal entscheidet. Oder doch eher der liebe Gott? Der Pfarrer hat im Konfirmandenunterricht gesagt, dass man sich Gott anvertrauen könne. „Dein Wille geschehe“, steht im Vaterunser. Sie geht weg von den Palisaden, schlüpft durchs Tor hinein und wieder ins Zelt. (...) Elisabeth schaut reihum, alle weichen ihrem Blick aus. Sie nickt. Was soll sie anderes tun?

 

Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte, die die Autorin anhand historischer Briefe, Zeitungsartikel und persönlicher Erinnerungen der Nachfahren dieser Auswanderer recherchiert hat. Im Buch erzählt sie die Erlebnisse aus der Sicht der zu Beginn der Auswanderung 20-jährigen Elisabeth Rindisbacher und der 10-jährigen Anni Scheidegger.

 

Auf der Website der Autorin kann man sich auch einige Aquarelle und Zeichnungen des damals 15-jährigen Peter Rindisbacher anschauen, der die Auswanderung und das Leben in Amerika in seinen Bildern dokumentiert hat. Die meisten seiner 187 erhaltenen Gemälde sind heute in kanadischen oder US-amerikanischen Museen ausgestellt und gelten als wertvolle Zeugnisse der damaligen Zeit.

 

 

 

Juni 2018: Ferdinand von Schirach: Strafe (2018) 

Standort: Belletristik: Schi

 

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In seinem neuesten Buch, das als Abschluss der Trilogie gesehen werden kann, greift Ferdinand von Schirach wie in den Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ einzelne Fälle aus der deutschen Justiz heraus. In seiner nüchternen, schnörkellosen Art erzählt er von Recht und Moral, Wahrheit und Wirklichkeit, von menschlichen Schwächen und Schicksalen. 

 

In jedem einzelnen Fall soll der Leser selbst entscheiden, was gut und was böse ist und wer sich moralisch schuldig gemacht hat; der Autor hält sich mit einer Bewertung des Geschehens zurück. Er erzählt die Geschichte des Täters und nennt auch das Urteil des Gerichts, das gemäß den Gesetzen entschieden hat, aber beim Leser bleibt oft das Gefühl zurück, dass das Gesetz der Situation des Beschuldigten nicht gerecht wurde, im Guten wie im Schlechten. Gerade die Fälle, in denen wegen eines Verfahrensfehlers kein Urteil gefällt werden konnte, lassen den juristischen Laien mit Unverständnis zurück. Aber auch das ist ein Kennzeichen eines Rechtsstaates, das man aushalten muss.

Dass der Jurist Ferdinand von Schirach dieses Dilemma und die menschlichen Schicksale, die hinter jedem „Fall“ stecken, am Ende nicht mehr ertragen konnte, gesteht sein Ich-Erzähler in der letzten Kurzgeschichte:

 

„Einige Monate nach dem Tag in der Normandie habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“

 

Wer mehr von Ferdinand von Schirach lesen möchte, findet in der Bücherei Aying die gesamte Trilogie und in der Onleihe weitere Bände. Sehr lesenswert finde ich auch sein Theaterstück „Terror“ (Onleihe) vom Dezember 2015, das die Frage aufgreift, ob man im Falle eines Terrorangriffs Menschenleben opfern darf, um andere Menschen zu retten. Was bedeutet „Menschenwürde“ und kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Dieses Theaterstück wurde in zahlreichen deutschen Theatern aufgeführt. Nach der Mehrheitsentscheidung des jeweiligen Publikums (schuldig - nicht schuldig) wurde dann das Stück beendet.

 

 

 

Mai 2018: Peter Köhler: „Basar der Bildungslücken“ (2017) 

(Standort: Onleihe: Sachmedien/Literatur)

 

 

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Das Buch von Peter Köhler trägt den Untertitel: „Kleines Handbuch des entbehrlichen Wissens“ und genau darum geht es auch. Kurze Geschichten über interessante (oder auch mal weniger interessante) Fakten, die man nicht kennen muss, die aber so manchen Aha-Effekt beinhalten. Man erfährt zum Beispiel, ob Benzin seinen Namen von dem badischen Ingenieur Carl Friedrich Benz erhalten hat (hat es nicht!) oder warum die Deutschen in vielen europäischen Ländern völlig unterschiedliche Bezeichnungen haben. Wer hat sich schon ernsthaft darüber Gedanken gemacht, warum die Engländer „Germans“ zu uns sagen, die Franzosen „Allemands“, die Italiener „Tedeschi“ und die Slawen „Njemzi“?

Unterhaltsam ist auch die Aufzählung deutscher Worte, die Einzug in fremden Sprachen gefunden haben: „Überhaupt scheint deutsches Essen und Trinken ein Exportschlager zu sein, wie französisches bière und italienisches birra oder auch türkisches sinitzel zeigen. Letzteres schätzen auch die Japaner als wina-shunittseru, die außerdem Kaffepaussi machen und etwas so Exotisches wie bamukuhen (Baumkuchen) essen.“

  

In über 70 kurzen Artikeln erklärt der Autor Unterhaltsames und Kurioses aus unserer Kultur, Sprache und Geschichte, er untersucht die Herkunft von Wörtern und Redensarten und zeigt, wie sich das Denken der Menschen im Lauf der Zeit verändert und wie sich das in unserer Sprache niedergeschlagen hat.

 

 

 

 

April 2018: Dagmar Fohl: Schneemusik (2017) 

(Standort: Onleihe: Belletristik, Krimi)

 

 

 

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Der Roman beginnt harmlos, geradezu alltäglich. Ein älterer Schriftsteller verliebt sich Hals über Kopf in eine jüngere Frau, eine erfolgreiche Klimaforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Nach der Hochzeit wird Olaf Spengler immer mehr von seiner krankhaften Eifersucht beherrscht, die Selma jeden Raum zum Leben nimmt. Je mehr er selbst an seinen Ansprüchen als Autor scheitert, desto mehr steigert er sich in seinen Wahn hinein und verfolgt und kontrolliert seine Ehefrau. Diese hält sein Verhalten nicht mehr aus und nutzt eine berufliche Chance zur Trennung. Daraufhin verliert Olaf völlig die Kontrolle und es kommt zur Katastrophe.

 

Dagmar Fohl zieht den Leser in ihren Bann. Man fühlt mit den beiden Hauptprotagonisten. Einerseits kann man den Schmerz Olafs nachvollziehen, als sich Selma immer weiter von ihm entfernt. Der Leser wird in seine Welt förmlich hineingesogen, kann sich ihr nicht mehr entziehen und lernt seine Gefühle und Lebensumstände  kennen, die von Eifersucht,

 

Wut, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen beherrscht sind. Andererseits spürt man aber auch die Verstörtheit, die in Selma vorgeht. Der höfliche, freundliche Mann, in den sich einst verliebt hat, wandelt sich im Lauf der Ehe zu einem wahren Monster und nimmt ihr jegliche Luft zum Atmen. Das Tempo des Romans steigert sich immer weiter durch die Vermischung von  Realität und Fiktion, da Olaf Spengler seine Sicht der Dinge in einem neuen Roman verarbeitet. Das Scheitern seiner Ehe wird so zur Grundlage seines lang ersehnten beruflichen Erfolgs.

 

 

 

 

 

März 2018: Ian McEwan: Kindeswohl (2015) 

(Standort: Bücherei McEw)

 

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Ian McEwans Kurzroman „Kindeswohl“ beruht auf einem wahren Fall, den ein englisches Gericht zu entscheiden hatte.

In seiner Erzählung muss die 59jährige Familienrichterin Fiona Maye den Fall eines 17jährigen Krebspatienten entscheiden, der ebenso wie seine Eltern aus religiösen Gründen die von den Ärzten für notwendig gehaltene Bluttransfusion ablehnt, obwohl er ohne diese Behandlung einen qualvollen Tod oder eine lebenslange Behinderung riskiert. Nach einer persönlichen Begegnung mit dem jungen Adam trifft Fiona eine richterliche Entscheidung und Adam überlebt. „Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde.“, begründet sie ihr Urteil. Ihre Entscheidung scheint die richtige gewesen zu sein, als sie Wochen später einen Brief von Adam erhält:

 

 „Ich glaube, ich war eine Zeitlang bewusstlos, und als ich aufwachte, saßen sie beide [die Eltern] an meinem Bett – und beide weinten, und ich wurde noch trauriger, weil wir alle gegen Gottes Gebote verstießen. Aber jetzt kommt das  Wichtige: Bald erkannte ich, dass sie vor FREUDE weinten! Sie waren so glücklich,  umarmten mich, umarmten einander und lobten schluchzend den Herrn. [...] Meine Eltern haben sich an die Lehre gehalten und den Ältesten gehorcht und alles richtig gemacht und können damit rechnen, ins Paradies auf Erden einzugehen – und gleichzeitig blieb ich am Leben [...] Schuld hat die Richterin, Schuld hat das gottlose System, Schuld hat das, was wir manchmal die 'Welt' nennen. Was für eine  Erleichterung!"

 

Zufrieden schließt Fiona den Fall Henry Adam für sich ab. Adam dagegen findet in seinem neuen, geschenkten Leben keinen Halt mehr, auch nicht in seiner Familie und wendet sich hilfesuchend an Fiona, die aus seiner Sicht nun die Verantwortung für sein Leben übernommen hat. Die Richterin hat allerdings die Macht unterschätzt, die sie mittlerweile durch ihr Urteil über sein Leben gewonnen hat und wendet sich von ihm ab. Am Ende kommt sie zu der bitteren Erkenntnis, dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügt und als Richter und Mensch versagt hat. „Adam hatte sich an sie gewandt, und sie hatte ihm nichts geboten, keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

 

 

„Kindeswohl“ ist kein einfaches Buch, es geht um Leben und Tod, Macht und Moral, Schuld und Verantwortung und die Grenzen von Religion und Medizin. Manche Handlungsstränge wie das Eheleben von Fiona Maye mögen etwas konstruiert wirken, aber insgesamt ist es ein Werk, das zum Nachdenken anregt. Wie würde man selber entscheiden? Was muss der Staat regeln, was ist Privatsache? Wie hoch ist die Würde des Menschen anzusetzen und was bedeutet sie überhaupt?

 

Ein lesenswertes Interview mit dem Autor zu seinem Buch findet sich unter:

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article135962393/Der-Teufel-ist-zu-allem-faehig.html

 

 

 

 

Februar 2018: Eliot Pattison: „Der fremde Tibeter“ und „Das Auge von Tibet“ (2002)

(Standort: Bücherei: Romane Pat)

 

  

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                      

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Passend zu unserem Monatsthema im Februar „Fremde Länder“ habe ich diesmal den ersten und zweiten Band von mittlerweile 9 Büchern der Inspektor Shan-Reihe des amerikanischen Journalisten und Autors Eliot Pattison gewählt.

 

Shan Tao-Yun, ein Chinese, war früher Ermittler in Peking und wurde in ein chinesisches Straflager in Tibet verbannt, weil er gegen die falschen Leute ermittelt hatte. Im ersten Band der Reihe klärt er den Mord an einem Mann auf, dessen Leiche die Zwangsarbeiter des Lagers beim Straßenbau gefunden hatten. Am Ende des Romans kann Shan fliehen und findet Unterschlupf in einem geheimen tibetischen Mönchskloster.

In „Das Auge von Tibet“ wird Shan vom Lama des buddhistischen Klosters in das Kunlun-Gebirge nach Norden geschickt, um den Tod einer beliebten Lehrerin und einiger ihrer Schüler aufzuklären. Dabei wird er von einigen uigurischen und kasachischen Nomaden unterstützt.

 

Die Stärke der tibetischen Romane Pattisons liegt nicht unbedingt im Kriminalfall, sondern vor allem in der Beschreibung der faszinierenden Landschaft Tibets, seiner Klöster und Menschen. Darüber hinaus erfährt man viel über die politischen Verhältnisse seit den 1950er Jahren, als China Tibet annektierte und seitdem gewaltsam versucht die tibetische Lebensform und den Buddhismus zu unterdrücken. Wer also gerne in fremde Welten eintauchen möchte und weniger Wert auf action legt, ist bei der Inspektor Shan-Reihe auf jeden Fall richtig.

 

"Gute Bücher entführen den Leser an Orte, die er nicht so einfach erreichen kann: ein ferner Schauplatz, eine fremde Kultur, eine andere Zeit oder in das Herz eines bemerkenswerten Menschen. Eliot Pattison leistet in seinem Roman all dies auf brillante Art und Weise." Booklist. 

 

 

 

 

 

Januar 2018: Daniel Speck: Bella Germania (2016) 

(Standort: Bibliothek: Romane Spe; onleihe: Hörbücher)

 

 

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„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ (Max Frisch)

Der erste Roman des Münchner Drehbuchautors Daniel Speck ist eine gelungene Mischung aus Familien- und Zeitgeschichte, ein „Heimatroman“ in bestem Sinne. Er handelt vom nicht immer einfachen Zusammenwachsen von Italienern und Deutschen in der Nachkriegszeit, vom einfachen Landleben in Sizilien, den Hoffnungen der Gastarbeiter, die in den 50er Jahren nach Bayern kamen und den Sehnsüchten der Deutschen, die in der Zeit des Wirtschaftswunders zum ersten Mal über den Brenner ans Mittelmeer fuhren.

 

Der Roman beginnt 2014, als die Münchner Modedesignerin Julia Besuch von einem unbekannten Mann bekommt, der behauptet ihr Großvater Vinzent zu sein. Nach einigem Zögern beginnt sie, ihre Familiengeschichte zu erforschen, die ihre Mutter bis dahin vor ihr immer geheim gehalten hat.

1954 lernt der Großvater, der im Auftrag von BMW nach Mailand gereist war, die junge Sizilianerin Giulietta kennen. Vinzent verliebt sich in sie und will mit ihr nach München durchbrennen. Gefangen in den Moralvorstellungen und Erwartungen ihrer Familie heiratet Giulietta aber trotz Schwangerschaft ihren langjährigen Verlobten Enzo und bleibt in Italien. Ihr Bruder macht sich aber auf den Weg nach Bayern um als Gastarbeiter in der Automobilbranche sein Glück zu versuchen, nach dem Scheitern ihrer Ehe folgt auch Giulietta nach. Auch Vincenzo, das Kind von Giulietta und Vinzent, geht später nach München, hin und her gerissen zwischen seinen italienischen und deutschen Wurzeln.

 

 

Dieses Buch ist eine schöne, spannende Familiengeschichte über drei Generationen mit viel Lokalkolorit, eine Erzählung über Hoffnungen und Scheitern, Migration und Integration, Missverständnisse und Freundschaften. Den Roman gibt es sowohl als Buch in der Bücherei, als auch als Hörbuch in der onleihe. 2017 wurde er vom ZDF als Dreiteiler verfilmt und soll Ende 2018 ausgestrahlt werden. Das Drehbuch dazu schrieb der Autor selbst.

 

 

 

 

Dezember 2017:     Leonie Swann: Gray (2017)  

(Standort: Hörbücher: S, Onleihe: Belletristik)

 

 

 

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Diesmal habe ich einen unkomplizierten, unterhaltsamen Roman für mich entdeckt: das neue Buch der Münchnerin Leonie Swann, die 2005 mit ihrem Schafskrimi „Glenkill“ berühmt wurde.

 

In „Gray“ geht es um einen Anthropologie-Dozenten aus Cambridge, der leicht zwangsneurotisch veranlagt ist. Eines Tages erfährt er, dass ein Student, den er als Tutor betreut hatte, einen Tag vorher beim Klettern von der Fassade einer Kapelle gefallen ist. Auf Bitten der Putzfrau geht er in dessen Zimmer in der Universität und entdeckt Gray, den sprachtalentierten Graupapagei des Studenten. Dieser hängt sich mangels Alternativen an Augustus Huff, den Dozenten, und weicht nicht mehr von dessen Schulter. Allmählich hat Huff den Verdacht, dass Elliot, der Student, nicht Selbstmord begangen hat oder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, sondern ermordet wurde. Zusammen mit Gray macht er sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass er wegen des Papageis in einige peinlich-komische Situationen gerät.

 

„Gray“ ist ein witziger, leichter Roman, eine Feierabend- oder Urlaubslektüre. Mich hat er an Pumuckl und Meister Eder erinnert und wer die beiden als Kind geliebt hat, wird bestimmt auch den Papagei mögen. Gelegentlich wirkt die Handlung etwas konstruiert, besonders am Ende des Romans, aber ich finde, das kann man verzeihen, wenn man sonst gut unterhalten wird. Auch die Sprache ist humorvoll und die Szenen mit dem sprechenden Papagei urkomisch: „Augustus guckte etwas ratlos in den Lampenschirm. Eine Glühbirne guckte ausdruckslos zurück.“

 

 

Fazit: unbedingt lesenswert, wenn man einfach nur mit schrägen Charakteren entspannen möchte. Wer mehr von Leonie Swann lesen möchte, findet in der Bücherei auch ihren zweiten Roman „Garou“.

 

 

November 2017: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben (2017) 

(Standort: Romane Yan und Onleihe)

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Der Roman der Hawaiianischen Journalistin Hanya Yanagihara handelt von der Freundschaft zwischen vier Männern über mehrere Jahrzehnte hinweg. Kennengelernt haben sich die vier in einem US-amerikanischen College, als sie als Jugendliche gemeinsam ein Zimmer bewohnten. Malcolm wird Architekt, Willem Schauspieler und JB Künstler. Jude, der Jura studiert und später ein erfolgreicher Anwalt wird, steht dabei im Mittelpunkt der Erzählung. Im Abstand von mehreren Jahren wird die Lebenssituation der einzelnen Hauptdarsteller beleuchtet, unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit von Jude. Dessen traumatische Erlebnisse beeinflussen und beherrschen die Beziehung der vier Freunde ein Leben lang.

Dieser Roman, losgelöst von allen aktuellen Ereignissen und realen Schauplätzen, handelt von Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung, Sünde und Erlösung. Allesamt eher  biblische Themen, obwohl in diesem Buch religiöser Glaube nur am Rand eine Rolle spielt, Themen, die aber den Kern des menschlichen Daseins betreffen.

Die fast 1000 wortgewaltigen Seiten stehen im Gegensatz zur Sprachlosigkeit oder Sprachunfähigkeit der Protagonisten, an der sie am Ende scheitern. In diesen Abgrund wird der Leser wie in einen Strudel mit hineingezogen, mit einer Wortwahl, die oftmals an die apokalyptischen Bilder einer Hieronymus Bosch erinnert. Oft sind die Gefühle der Protagonisten beziehungsweise ihre Erlebnisse schwer zu ertragen und gehen an die Grenzen des Lesers.

           

"Er spürte, wie die Kreatur in seinem Inneren - die er sich als ein schmächtiges, schäbiges, lemurenartiges Geschöpf vorstellte, mit schnellen Reflexen ausgestattet und stets auf dem Sprung, während ihre dunklen, feuchten Augen unentwegt die Landschaft nach potenziellen Bedrohungen absuchten - sich entspannte und zu Boden sank. Dies waren die Momente des College-Lebens, die er am meisten schätzte: Er saß in einem warmen Zimmer, würde am nächsten Tag drei Mahlzeiten zu sich nehmen und so viel essen wie er wollte, und dazwischen würde er Seminare und Vorlesungen besuchen, und niemand würde versuchen, ihm wehzutun oder ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht tun wollte. Seine Mitbewohner - seine FREUNDE - waren irgendwo in der Nähe, und er hatte einen weiteren Tag überstanden ohne eines seiner Geheimnisse preiszugeben, und ein weiterer Tag trennte den Menschen, der er einmal gewesen war, von dem, der er heute war.“

    

Die Faszination dieses hochemotionalen Romans ist schwer in Worte zu fassen und was genau daran so fesselnd ist, ist kaum zu beschreiben, aber, wie der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck bemerkt: „Wenn Sie in diesem Jahr nur einen Roman lesen, lesen Sie diesen.“

 

  

 

 

 

 

Oktober 2017:    Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt (2015) 

(Standort: onleihe: Sachmedien/Geschichte, Völker & Länder)

Diesen Monat stelle  ich ein Sachbuch aus der Onleihe vor, das aus meiner Sicht auf alle Fälle fünf Sterne verdient hat. Der Autor, Alastair Bonnett, ist Professor für Sozialgeographie an der Universität Newcastle.

 

Das erste Kapitel seines Buches „Die seltsamsten Orte der Welt“ handelt von Orten, die es nicht mehr gibt, sei es, weil es sie nie gegeben hat wie Sandy Island vor der Ostküste Australiens, oder weil sie aus geologischen oder politischen Gründen wieder verschwunden sind wie die „Starfish“-Dörfer in Großbritannien aus dem zweiten Weltkrieg, die nach 1945 keinen Verwendungszweck mehr hatten, oder der Aralsee, der durch menschliche Eingriffe in den Wasserhaushalt austrocknet.

Weitere Kapitel befassen sich u.a. mit „Geisterstädten“, temporär existierenden Orten oder „Niemandsländern“ zwischen zwei Staaten, die keiner haben will. Zum Teil sind es bekannte Geschichten, wie die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verlassene Stadt Prypjat, zum Teil aber auch eher unbekannte Darstellungen menschlichen Größenwahns wie das nie bewohnte nordkoreanische Grenzdorf Kijong-dong, oder durch Kriege zerstörte und verlassene Städte. Manche Kapitel lassen uns schmunzeln, einige regen zum Nachdenken an oder machen den Leser betroffen, aber immer staunt man aufs Neue, was für Kuriositäten es in unserer Welt auch heute noch gibt.

 

Alastair Bonnett ist ein wirklich interessantes, lehrreiches und zugleich unterhaltsames Buch gelungen, das nie trocken wird, sondern über die reine Wissensvermittlung hinaus auch über die Bedeutung von „Ort“ und „Raum“ für den Menschen philosophiert: „Dabei ist der Ort das Gewebe unseres Lebens, mit Erinnerung und Identität durchwirkt. Ohne ein eigenes Irgendwo, ohne einen Ort, an dem man zu Hause ist, ist Freiheit eine leere Worthülse.“

 

Sein Buch beendet der Autor mit folgendem Fazit: „Die Welt steckt noch immer voller unerwarteter Plätze, die uns entzücken, manchmal auch erschrecken, aber immer faszinieren. Diese ungebärdigen, anarchischen Orte provozieren uns und zwingen uns dadurch, über die vernachlässigte, aber fundamentale Rolle nachzudenken, die sie für unser Leben spielen. Sie stellen uns vor die Herausforderung, uns als das zu sehen, was wir sind, nämlich eine Spezies, die Orte schafft und Orte liebt.“

 

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